Interviews

Ahmad, 26

„Stell Dir vor, Du hast fast alles, was Du Dir immer gewünscht hast – und dann verlierst du es von einem Tag auf den anderen. Kannst Du Dir das vorstellen? Nein? Ich konnte es auch nicht.“

Ahmad kommt aus der irakischen Millionenmetropole Bagdad. Der 26-Jährige schloss dort vor zwei Jahren sein Pharmazie-Studium ab und leitete schon kurz danach eine Apotheke. Nebenbei arbeitete er als Dozent für den weltweiten Gesundheitskonzern Sanofi – er schulte Apothekenmitarbeiter und medizinische Fachangestellte im richtigen Umgang mit Antibiotika-Behandlung und anderen Medikamenten. Zeitweise arbeitete er auch im Krankenhaus und unterstützte dort das medizinische Personal. „Meine Arbeit war alles für mich. Ich habe von frühmorgens bis spätabends gearbeitet, manchmal ohne Pause; 60, 70 Stunden die Woche. Aber es war genau das Richtige für mich. Ich habe das gemacht, was ich immer wollte, nämlich Menschen helfen – und dabei habe ich auch noch gutes Geld verdient. Ich konnte meine Eltern unterstützen, mir neue Autos leisten und in den Urlaub fahren.“

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Der Tag, an dem sein geordnetes Leben in die Brüche geht, beginnt wie jeder andere. Irgendwann kommen mehrere Männer in Militärkleidung in seine Apotheke und verlangen eine große Menge Barbiturate, also verschreibungspflichtige Medikamente – etwa 3000 Pakete und zwar ohne ärztliches Rezept. „Natürlich habe ich sie ihnen nicht gegeben, das ist illegal. Diesbezüglich gibt es im Irak ähnliche Regeln wie in Deutschland. Diese Medikamente können auch gefährlich überdosiert werden.“ Was Ahmad nicht weiß: Die Männer sind im Auftrag eines lokalen Mafiabosses unterwegs. Sie versprechen, am nächsten Tag eine Bescheinigung vorzulegen.
Zwei Tage später kommen sie wieder und bringen eine handschriftliche Bestätigung ihres Bosses mit, in der dieser angibt, dass er die Medikamente benötigt. Ahmad verweigert weiterhin die Herausgabe der Medikamente ohne Rezept. „Das ist gegen das Gesetz. Ich bin dafür da, die Menschen zu unterstützen, wenn sie Medikamente benötigen. Aber ich darf sie nicht gefährden.“ Die Männer werden wütend und geben ihm zu verstehen, dass sie ‚das Gesetz‘ seien. Einer schubst ihn in die Ecke und hält ihm eine Waffe an den Kopf. Die anwesenden Kunden werden aus der Apotheke gejagt, die Türen verriegelt. Sie durchsuchen die gesamte Apotheke nach den Medikamenten, finden aber nichts. „In zwei Tagen kommen wir wieder, dann hast du, was wir wollen. Sonst bist du tot!“.

Ahmad ist aufgrund der Drohungen beunruhigt und ruft den Inhaber der Apotheke an. Dieser rät ihm, das Geschäft zu schließen und am nächsten Tag nicht zur Arbeit zu kommen. Auf dem Weg nach Hause ruft er seine Eltern an. „Fahr nicht nach Hause, sie wissen sonst, wo du wohnst!“ bittet ihn sein Vater. Daraufhin fährt er zu seinen Großeltern. Dort trifft sich die ganze Familie und berät, wie man mit der Situation umgehen soll.

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„Zwei Tage später erhielt ich einen Anruf von einer unbekannten Telefonnummer. Es war Sayed N., der Mafiaboss. Er sagte mir, dass mein Leben verwirkt sei, da ich nicht kooperiert hätte. Ich weiß nicht, woher er meine Handynummer hatte.“
Sein Vater meldet den Vorfall am nächsten Tag der Apothekenkammer – helfen kann man ihm dort allerdings nicht An die Polizei kann sich die Familie nicht wenden, denn es ist allgemein bekannt, dass die Mafia hohe Schmiergelder an die Polizei zahlt, um unbehelligt ihre Geschäfte betreiben zu können.

Laut der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung ist der Irak ein „in mehrfacher Hinsicht gescheiterter Staat.“ Seit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein im Jahr 2003 und den darauffolgenden Kriegen und Konflikten geht das Land zugrunde. Die Verwaltung funktioniert nur noch in den großen Städten und ist von Korruption durchzogen. Die Wirtschaft ist am Ende, soziale Probleme wie Vertreibung, Arbeitslosigkeit und Armut nehmen Überhand. So ist es nicht unüblich, dass sich Staatsangestellte durch kleine „Nebenjobs“ ihr niedriges Gehalt aufstocken.

Seine Eltern drängen ihn, das Land zu verlassen, doch Ahmad möchte nicht gehen. „Ehrlich, trotz aller Probleme, ich liebe mein Land. Irak ist meine Heimat, Bagdad meine Stadt. Ich hatte dort alles, was wichtig ist: Arbeit, Familie, Freunde. Wenn die Situation sicher wäre, würde ich morgen wieder zurückgehen.“ Noch dazu leidet seine Mutter an Diabetes, und er möchte sich persönlich um sie kümmern. Seine Eltern aber verlangen aus Angst um sein Leben, dass er geht. Denn alle wissen, dass die Netze der Mafia weit reichen; es wäre zu riskant, nur in eine andere Stadt zu ziehen.

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Also fliegt er tags darauf in die Türkei und macht sich von dort aus über die sogenannte Balkanroute auf den Weg nach Deutschland. „Ich erspare euch hier die Details, jeder kennt die Geschichte, zu viele Menschen haben diesen Weg gewählt und ihr Leben riskiert. Nur so viel: Es war schwierig, es war gefährlich, es war die Hölle auf Erden. Ich habe Dinge gesehen, die ich niemals im Leben vergessen werde. Aber ich habe durchgehalten – was hätte ich auch anderes machen sollen?“ Als Ahmad schließlich in Deutschland ankommt, ist er am Ende seiner Kräfte, seine Ersparnisse sind nahezu aufgebraucht, fast alle persönlichen Dinge musste er unterwegs zurücklassen. Er erreicht deutschen Boden wie viele andere, die ihr Heimatland verlassen mussten: mittellos, alleine, ohne zu wissen, was die Zukunft für ihn bereithält.

Die Menschen im Irak haben, bis auf eine kurze Pause Ende der 80er Jahre, seit 35 Jahren keine Friedenszeiten mehr erlebt. Insgesamt hat sich die Situation in den letzten Jahren nicht verbessert, eher noch verschlechtert. Zwar bemüht sich der seit 2014 regierende Ministerpräsident Abadi um Stabilität und den Abbau der Korruption, doch die Probleme sind zu vielfältig, um sie von heute auf morgen zu beheben. Zudem werden viele Prozesse durch den Krieg im nahen Syrien verlangsamt oder unterbrochen. Und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist nicht nur in Syrien aktiv – sie hat große Teile des Iraks unter ihrer Kontrolle. Nur ein Rumpfstaat im Zentrum des Landes und im Süden befinden sich noch unter Kontrolle der Regierung; im Norden kämpfen die Kurden für einen unabhängigen Staat sowie gegen den IS und die Truppen Assads. Der Irak im Jahr 2015 ist politisch, konfessionell und territorial tief gespalten. Und damit eine Gefahr für die Menschen, die dort leben.

Gleichwohl wird der Antrag auf Asyl bei immer mehr Geflüchteten aus dem Irak abgelehnt. Die Hilfsorganisation Pro Asyl bezeichnet den Zustand deshalb als besonders besorgniserregend.

Auch Ahmad weiß aktuell noch nicht, ob er bleiben kann. „Diese Ungewissheit quält mich. Jeden Tag kann die Ablehnung kommen. Was mich besonders wütend macht ist die Tatsache, dass irgendjemand über mein weiteres Leben entscheiden darf. Ich bin aus triftigen Gründen geflohen. Mein Leben war in Gefahr. Wie kann irgendjemand glauben, ich hätte das freiwillig auf mich genommen? Ich hatte keine andere Wahl. In meinem Land war ich angesehen, ich hatte eine Aufgabe, ich wurde gebraucht. Hier bin ich nur ein Flüchtling.“

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Anfangs lebt Ahmad in einer überfüllten Notunterkunft in der Dortmunder Nordstadt. Es ist die Zeit, in der zahlreiche Geflohene in Dortmund ankommen, so dass die dortige Situation höchst prekär ist. Die meisten Menschen sind von der langen Flucht und den Ereignissen in ihren Heimatländern schwer traumatisiert. Der 26-Jährige erzählt uns von Schlägereien, Messerstechereien, schlechter Versorgung, menschenunwürdiger Unterbringung von Frauen, Kindern und Schwangeren.
Die Zustände sind lokal bekannt, sie sind so schlimm, dass sich 2015 einige der dort Untergebrachten in einem offenen Brief an den zuständigen Stadtdirektor wenden. Die Unterkunft wird schließlich abgebaut und die Bewohner auf andere Unterkünfte verteilt.

Ahmad schafft es, sich selbst eine eigene Wohnung zu organisieren. Seit einigen Monaten wohnt er in einer kleinen Wohnung in Körne und versucht, sein Leben in Deutschland zu organisieren. Er möchte weiter als Apotheker arbeiten, Menschen beraten und sie bei ihrer Genesung unterstützen.
Im Moment hospitiert er in einer Apotheke in Selm und besucht Sprachkurse, um Deutsch zu lernen. Dass er fließend Englisch spricht, hilft ihm im deutschen Alltag wenig. Gerade hat er einen zweiwöchigen Zusatzkurs für Apotheker in Münster abgeschlossen; im kommenden Jahr wird er ein Praktikum in der Selmer Apotheke machen, um anschließend die notwendigen Prüfungen ablegen zu können.

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„Ich kann nicht sagen, ob ich alles, was ich geplant habe, auch umsetzten kann. Die Zusage auf meinen Antrag auf Asyl kann jeden Tag kommen. Die Ablehnung aber auch. Was dann sein wird, kann ich nicht sagen. In den Irak zurück kann ich nicht – dort vergessen sie nicht so leicht. Sie würden mich überall aufspüren, sie haben die Mittel dazu. Ich würde mit einer Kugel im Kopf enden.“

 

Nachtrag April 2017

Ahmad hat inzwischen alle erforderlichen Sprachkenntnisse und Zertifikate erworben und arbeitet in einer Dortmunder Apotheke. Für die nächsten 3 Jahre darf er in Deutschland arbeiten – auf die endgültige Entscheidung über seinen Antrag auf Asyl wartet allerdings er immer noch.

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

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