Interviews

Comfort, 47

Der englische Begriff „comfort“ bedeutet sowohl Komfort als auch Trost. Als Mutter von sechs Kindern ist Comfort – Nomen est Omen – also geradezu prädestiniert, Trost und Behaglichkeit zu spenden. Doch die vergangenen Monate haben der 47-jährigen Ghanaerin sehr zugesetzt – genauso wie ihren Kindern.

IMG_0114

„Ich bin meinem Mann aus Ghana nach Italien gefolgt; er hatte in Verona einen Job als LKW-Fahrer gefunden. Wir lebten 14 Jahre in Italien, vier meiner Kinder wurden dort geboren.“ Comfort ist Mutter und Hausfrau. Sie zieht ihre Kinder auf, die alle fließend Italienisch sprechen, Kindergarten bzw. Schule besuchen und gut integriert sind.
Als Comforts Mann seine Arbeit verliert und auch nach wochenlanger Suche keine neue Stelle findet, beschließt er, Verona zu verlassen, um woanders Arbeit zu finden. Seitdem ist er verschollen. Es ist unklar, ob er noch lebt, unklar, ob er vielleicht irgendwo im Gefängnis sitzt – es gibt keine Nachricht von ihm. „Wir haben Angst um ihn, denn wir wissen nicht, ob ihm etwas zugestoßen ist.“

IMG_0125

Da das Einkommen ihres Mannes nun wegfällt, verliert Comfort die Wohnung. Die Familie landet wegen Mietschulden auf der Straße. Die italienischen Behörden fühlen sich nicht zuständig; das soziale Sicherungsnetz ist nicht so feinmaschig wie in Deutschland. Comfort spricht zwar relativ gut Italienisch, hat sich aber um „offizielle“ Dinge wie Kontakt zu Ämtern usw. nie kümmern müssen. „Mein Mann hat das immer gemacht, ich habe mich ja immer nur um die Kinder und den Haushalt gekümmert. Außerdem kann ich leider nicht besonders gut lesen“, gesteht sie. Drei Monate verbringt sie mit ihren sechs Kindern auf der Straße. Hin und wieder gibt es kleine Aufmerksamkeiten von italienischen Hilfsorganisationen, doch dabei handelt es sich meistens um Süßigkeiten für die Kinder. „Von Süßigkeiten wird kein Kind satt“, meint Comfort. Doch dann erinnert sie sich daran, dass ihr Mann kurz vor seinem Verschwinden oft von Berlin gesprochen hatte. Mit den letzten Reserven tritt die Familie die Flucht nach Deutschland an.

IMG_0078

Nachdem Comfort mit ihren sechs Kindern Berlin erreicht, lässt sie sich und ihre Familie bei der örtlichen Polizei registrieren. Von nun an wird die Situation undurchsichtig: Aus nach wie vor ungeklärten Gründen behält die Polizei sämtliche Unterlagen ein und händigt Comfort noch nicht einmal Kopien aus. Die Familie wird in eine Notunterkunft nach Bad Berleburg verlegt, danach nach Burbach, von dort aus nach Dortmund.

IMG_0026

Da die dortige Notunterkunft Brügmannhallen kurzzeitig geschlossen werden muss, findet die Familie in der Adlerstraße 44 eine neue Bleibe. Dort kommt Comfort mit Mitgliedern des Projekts Ankommen in Kontakt. Durch das Engagement des Vereins bezieht sie im Juni 2015 mit ihren Kindern eine kleine Wohnung in Dortmund-Hörde. Eine Patin des Vereins begleitet sie zu Ämtern und kümmert sich darum, dass vor allem die Kinder gut versorgt werden. Bis auf die 3-jährige Elisa gehen alle hier zur Schule.
Der Asylstatus der afrikanischen Familie bleibt aber nach wie vor ungeklärt. Eine Herausgabe der beschlagnahmten Papiere ist rechtlich schwierig, wie der Verein inzwischen über einen Anwalt erfahren hat.

IMG_0059

„Ich hoffe, dass wir bleiben können, vor allem wegen meiner Kinder. Hier sind wir sicher, in Italien hat es niemanden interessiert, dass wir auf der Straße schlafen mussten und kaum etwas zu essen hatten. Ich habe keine Ausbildung machen können – in meiner Jugend war es in Ghana nicht üblich, Mädchen etwas lernen zu lassen. Und danach war ich wegen der Kinder nur Hausfrau und Mutter. Sie sollen ein besseres Leben haben als ich es hatte. Wünscht sich das nicht jede Mutter für ihre Kinder?

 

Nachtrag April 2017

Comfort hat für sich und ihre Kinder einen Antrag auf Asyl gestellt, der allerdings abgelehnt wurde – die Familie soll nach Ghana abgeschoben werden. Das Projekt Ankommen konnte jedoch eine engagierte Anwältin finden, die nun dafür kämpft, dass die Familie in Deutschland bleiben darf. Comfort macht sich große Sorgen, da sie in Ghana niemanden kennt und dort als alleinerziehende Mutter keine Chance hat, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Auch die Kinder möchten in Deutschland bleiben, sie haben hier viele Freunde gefunden. Die Situation ist sehr dramatisch, die Abschiebung könnte jeden Tag erfolgen.

 

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

 

 

Merken

Teilen
Share on FacebookGoogle+Tweet about this on Twittershare on TumblrPin on Pinterest