Interviews

Esmail, 20

Ein Paradebeispiel für die unmenschlichen Bedingungen einer Flucht aus dem kriegszerrütteten Syrien, ist die Geschichte von Esmail.
Esmail stammt aus Deir ez-Zor, einer Stadt im Osten des Landes. Als uns der eher schmächtige 20-Jährige in seiner kleinen Wohnung empfängt, ist auch Yassar, ein Freund, den er währrend seiner Flucht kennengelernt hat, zu Gast. „Sorry für die Unordnung! Wir sind eben eine echt Jungs-WG“, meint er lachend. Esmail hilft dem rund zehn Jahre älteren Yassar, in Dortmund Fuß zu fassen, unterstützt ihn bei Ämtergängen, Sprachkursen, Job- und Wohnungssuche – so wie auch ihm in seiner Anfangszeit geholfen wurde.

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Esmail kam vor über einem Jahr nach Deutschland, seine Flucht dauerte über vier Monate. Wie viele andere auch, hatte er handfeste Gründe, um seine Familie, seine Freunde, sein Heimatland zu verlassen. Bereits im Alter von 17 Jahren, zur Zeit des arabischen Frühlings, protestierte er mit anderen jungen Syrern gegen den Diktator Baschar al-Assad. „Ich war der Erste in meiner Stadt, der verhaftet wurde. Damals hat mich das irgendwie ein bisschen stolz gemacht. Das hört sich jetzt wahrscheinlich etwas seltsam an. Meine Familie hatte Angst um mich, aber sie haben mich unterstützt. Denn wir haben immer für unsere Freiheit kämpfen müssen.“ Sein Vater hatte bereits in den 80er Jahren gegen das syrische Regime gekämpft und war auch an dem brutal niedergeschlagenen Aufstand beteiligt, bei dem mehr als 20.000 Menschen zu Tode kamen. Er überlebte das Massaker, wurde aber zwölf Jahre lang inhaftiert.

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Esmail verbringt zwar nur zehn Tage im Gefängnis, wird aber gefoltert. „Ich hatte quer über meinen Oberkörper das Wort ‚Freiheit‘ geschrieben – sie verbrannten Buchstabe für Buchstabe mit ihren glühenden Zigaretten.“ Nichtsdestotrotz ist sein Glaube an die Revolution ungebrochen, doch er behält seine Gedanken für sich – jedenfalls für einige Zeit.

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Er beginnt ein Wirtschaftsstudium an der Universität von Deir ez-Zor. Nach deren Zerstörung durch die Bombardements wechselt er an die Universität von Al-Hasakah, muss das Studium aber bald darauf abbrechen. „Assad begann damit, alle jungen Männer für seine Armee einzuziehen. Ich wollte nicht für eine Armee kämpfen, die für das Regime steht. Niemals.“
Ein Jahr lang wohnt Esmail bei seiner Familie – währenddessen spitzt sich die Lage in Syrien deutlich zu. „Unser Alltag brach nach und nach zusammen. Das hat man an ganz normalen Dingen gemerkt. Ich hatte zum Beispiel eine feste Zahnklammer, die mir mein Zahnarzt aber nicht mehr entfernen konnte, weil er Syrien bereits verlassen hatte. Und da auch kein anderer Arzt erreichbar war, habe ich mir die Klammer alleine herausgenommen – mit einer Zange.“

Als er von einem Bekannten erfährt, dass es in der Türkei ein Stipendium für syrische Studenten gebe, zieht er nach Şanlıurfa, einer türkischen Stadt nahe der syrischen Grenze.

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Nach zwei Monaten stellt sich heraus, dass es das angebliche Stipendium nicht gibt. Der 19-Jährige sucht sich einen Nebenjob, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Arbeit ist anstrengend, unterbezahlt und ermüdend – es gibt in der Türkei nicht viele Jobs für syrische Flüchtlinge, deren prekäre Lage nicht selten auch ausgenutzt wird. Esmail fühlt sich gefangen, wie in einer Sackgasse. „Ein wohlhabender Cousin in Saudi-Arabien überredete mich, die Türkei zu verlassen. Er sagte, ich sei jung und müsse jede Chance ergreifen, um aus meinem Leben etwas zu machen. Ich bin ja das einzige Kind meiner Eltern mit Abitur, ihre Hoffnung.“ Also arbeitet er umso härter und leiht sich zusätzlich von seinem Cousin eine größere Geldsumme, um die Flucht nach Europa antreten zu können.

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„Die Schlepper gaben mir gnädigerweise Rabatt, weil ich nicht so viel Geld hatte,“ erzählt Esmail. Die 4000 Euro teure Flucht wird zur Tortur. „Wir liefen tagelang durch den Wald und über die Berge, eine Gruppe von 70, 80 Leuten; es kam zu Spannungen, alle waren nervös. Schließlich überquerten wir die Grenze zu Griechenland und stellten uns der Polizei.“ Wegen unerlaubtem Grenzübertritt muss die Gruppe drei Tage im Gefängnis verbringen, was für alle groteskerweise eine Erholungspause bedeutet. Die überforderte griechische Polizei lässt sie schlussendlich laufen; mit Autos, Bussen und LKWs geht die Flucht weiter. „Ihr kennt die Geschichte von den 70 toten Menschen, die in Österreich in einem LKW erstickt sind, nicht wahr? Ich glaube unsere Gruppe war nahe dran, dasselbe Schicksal zu erleiden. Teilweise haben die Schlepper bis zu 40 Personen in einen Sprinter gequetscht. Es war so eng, dass sich einige während der Fahrt übergeben mussten. Den Schleppern war das egal, ihnen war nur das Geld wichtig.“

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Nach mehreren Tagen erreichen sie die Grenze zu Mazedonien; in einem Dorf können sie sich drei Tage lang in einer verlassenen Scheune ausruhen. Anschließend werden sie mit Autos nach Belgrad, Serbien gefahren. Dort müssen sie einige Nächte auf der Straße verbringen. „Wir waren hungrig, müde, verängstigt, die nächste Schleuserstation war die ungarische Grenze. Ich war kurz davor, aufzugeben und mich einfach fallen zu lassen.“
Die ungarische Grenzpolizei verhaftet Esmail und einige andere Flüchtlinge und steckt sie zunächst in einen aus Bauzäunen konstruierten Käfig auf dem Hof des Polizeigeländes. „Wir waren wie gefangene Tiere, sie gaben uns kein Essen, kein Wasser, einige kollabierten. Der Polizei war das egal. Sie sagten: ‚Ohne Fingerabdrücke kein Essen‘. Viele von uns fragten sich, ob sie wirklich in Europa seien.“ Eine Woche später kann Esmail fliehen und sich mit seinen letzten finanziellen Reserven ein Zugticket nach Budapest kaufen. Dort nimmt ihn ein Landsmann mit in ein Hotel, wo er sich einige Tage ausruht. Dann bietet sich ihm eine Mitfahrgelegenheit nach München. „Ich kam in München an und hatte vielleicht noch 40 Euro in der Tasche. Zuerst kaufte ich mir eine SIM-Karte für mein Handy und rief meine Eltern an. Sie waren überglücklich. Sie hatten seit über einem Monat nichts mehr von mir gehört. Ich konnte bei einem Freund in Rosenheim unterkommen und habe dort drei Tage nur gegessen und geschlafen.“

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Danach meldet sich Esmail bei der örtlichen Polizei, wird registriert und kommt nach Chemnitz, wo sein Asylantrag genehmigt wird, er aber nicht lange bleibt. „Der Bruder eines Freundes lebte in Dortmund, ich hatte ihn dort bereits besucht. Im Gegensatz zu Chemnitz erschien mir Dortmund bunt und lebendig.“ Er lernt Ehrenamtliche vom Projekt Ankommen kennen und kann nach einigen Wochen zur Untermiete bei einem Dortmunder Paar einziehen, das ihm auch bei der Wohnungs- und Jobsuche hilft.
Zurzeit arbeitet er als Kellner in einem Restaurant im Dortmunder Kreuzviertel. „Es ist nur ein Minijob, aber ich bin dankbar, dass ich überhaupt etwas gefunden habe. Ich spreche zwar ganz gut Englisch, aber mein Deutsch ist noch sehr schlecht. Da ist es schwierig, Arbeit zu finden.“ Am liebsten würde Esmail sein Studium der Wirtschaftswissenschaften fortsetzen, kann sich aber auch vorstellen, zunächst eine Ausbildung zu machen. Um die Zeit bis zum Start des Integrationskurses zu überbrücken, wird er bald ein Praktikum bei einem Steuerberater absolvieren. Zahlen sind „total mein Ding“, erklärt er. „Aber mein heimlicher Traum ist es, Pilot zu werden. Mein Vater wollte auch immer Pilot werden. Allerdings ist die Ausbildung kaum zu bezahlen.“

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Esmail hat nur spärlichen Kontakt zu seinen Eltern. Die Situation in seiner Heimatstadt Deir ez-Zor sowie im restlichen Syrien ist katastrophal. Vor dem Krieg war seine Mutter Lehrerin, sein Vater Geschäftsführer eines Supermarktes – damals, so Esmail, sei einiges ähnlich wie in Deutschland gewesen: „Natürlich wurden wir unterdrückt, keiner konnte seine Meinung öffentlich sagen, also ein bisschen wie heutzutage in der Türkei. Aber wir hatten kostenlose Universitäten, Respekt für andere Kulturen, eine einigermaßen stabile Wirtschaft – es war nicht viel anders als hier.“ Der Krieg sei zunächst sehr surreal gewesen, wie in einem Film. „Ich wünschte, ich hätte mehr Fotos gemacht, mehr Videos gedreht. Viele Menschen hier in Deutschland glauben nicht, was in Syrien passiert. Es ist unfassbar.“

Nachtrag Januar 2016: Esmail besucht seit einigen Wochen den Integrationskurs und macht gute Fortschritte. Sein Praktikum beim Steuerberater macht ihm Spaß, auch wenn er noch nicht alles versteht und viel am Kopierer steht.  Er unterstützt das Projekt Ankommen als Dolmetscher und konnte seinen bisherigen Mitbewohnern zu einer eigenen Wohnung verhelfen. Nichtzuletzt freut er sich, dass er nun endlich eine eigene Waschmaschine hat und nicht mehr zum Waschsalon laufen muss.

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

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