Interviews

Fares, 25 & Nasser, 32

Wohngemeinschaften entstehen oft aus rein praktischen Gründen, wenn man z. B. in eine andere Stadt zieht und kein Geld für eine eigene Wohnung hat. Nicht so bei Fares und Nasser. Die beiden Syrer lernten sich vor einigen Monaten in der Unterkunft Adlerstraße 44 kennen. „Es war sozusagen Freundschaft auf den ersten Blick“, lachen die beiden jungen Männer, die sich durch ihre ruhige Art ähneln. Seit Kurzem teilen sie sich eine 3-Zimmer-Wohnung im Dortmunder Unionviertel. „Wir hatten einfach Glück im Unglück – die Vermieterin des Hauses hat angerufen und dem Verein sehr kurzfristig eine Wohnung angeboten. Die Entscheidung fiel in wenigen Stunden.“ Bei der Einrichtung half das Projekt Ankommen durch die Vermittlung und Bereitstellung von Spenden; andere Freiwillige und Freunde unterstützen bei Umzug und Renovierung.

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Eine reine Männer-WG – kann das gut gehen? „Das geht gut. Kochen können wir beide, den Haushalt teilen wir uns, jeder macht das, was er am besten kann. Wir haben ja auch viel Zeit.“ Das ist sowohl für den 25-jährigen Fares als auch den 32-jährigen Nasser eine neue Situation, denn in ihrem früheren Leben hatten beide nur wenig Zeit.

Fares wuchs in der Stadt Hama  auf, die als ein Zentrum der Proteste 2011 in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit rücktet. Seine Familie stammt aus der Mittelschicht, die Mutter Zahnärztin, der Vater Besitzer einer kleinen Apotheke. Nach dem Tod seines Vaters vor vier Jahren übernahm er einen Großteil des Geschäftes und die Buchhaltung. Zudem studierte er BWL und war bei einer Hilfsorganisation als Buchalter angestellt. „Wir arbeiteten unter anderem mit UNICEF und anderen internationalen Organisationen zusammen, dadurch konnte ich mein Schulenglisch deutlich verbessern“, erklärt Fares. Seine guten Englischkenntnisse helfen auch während unseres Interviews, er übersetzt für Nasser, der sein Schulenglisch größtenteils vergessen hat, da er bereits 15 Jahre Berufsleben hinter sich hat. „Ich war Verkäufer in einem großen Modegeschäft. Ich habe wie fast alle meine Kollegen gut elf Stunden täglich gearbeitet. Das ist normal in unserer Branche. Es ist sehr ungewöhnlich, jetzt den halben Tag nichts zu tun zu haben.“ meint Nasser resigniert.

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Unmittelbar nach seinem Bachelorabschluss, drohte Fares die Einberufung zum Militär. „Wer nicht studiert oder, wie Nasser, der einzige Sohn in der Familie ist, muss zum Militär. Weil aber Krieg ist, bedeutet das: Entweder schießt Du oder Du wirst erschossen.“ Weder das eine noch das andere war eine Option für den jungen Betriebswirtschaftler. Und so fasste er den Entschluss, Syrien schnellstmöglich zu verlassen. „Ich hatte relativ viel Glück. Wir konnten viel verkaufen, um Geld für meine Flucht zusammenzubringen. Viele meiner Freunde wurden leider eingezogen. Ich hoffe wirklich, dass sie noch am Leben sind.“ Fares lässt seine Mutter und seinen Bruder zurück. Seine zwei älteren Schwestern sind bereits verheiratet und haben eigene Familien. Eine von ihnen lebt mit ihrem Mann in den Arabischen Emiraten.

Nasser musste seine Mutter, seine Frau und seine kleine Tochter Mageda in Damaskus zurücklassen. „Sie war zu klein, zu zart für die gefährliche Flucht. Ich möchte meiner Familie eine sichere Zukunft bieten, wie jeder Vater. Meine Tochter soll nicht zwischen Bomben und Ruinen großwerden. Sie ist jetzt neun Monate alt. Ich hoffe, ich sehe sie bald wieder.“ Er möchte seine Familie so schnell wie möglich nach Deutschland holen, doch seinem Gesuch auf Asyl wurde noch nicht stattgegeben. Die momentanen Diskussionen um den Familiennachzug beunruhigen ihn zusätzlich. „Es ist ja nicht so, dass ich meine Familie absichtlich zurückgelassen habe. Es ist einfach viel zu gefährlich. Alle kennen die Bilder von den ertrunkenen Kindern.“

Sowohl Fares als auch Nasser bewältigen den ersten Teil ihrer Flucht nach Europa mit dem Flugzeug – erst in den Libanon, von da aus in die Türkei. Dort steuern sie wie viele andere die Hafenstadt Izmir an, die nah an den griechischen Inseln liegt. Von der türkischen Küste bis zur nächstgelegenen Insel Lesbos sind es nur knapp 12 Kilometer. „Wenn man in Izmir ankommt, läuft es meistens folgendermaßen: Man kontaktiert zunächst einen der Schlepper; jeder weiß, wo sie zu finden sind. Man verhandelt einen Preis und zahlt. Dann beginnt das Warten. Der Anruf kann Tag und Nacht kommen.“, berichtet Fares. Die Polizei mag die Schlepper ignorieren, die Küstenwache ist aber wesentlich rigoroser. Drei Versuche braucht es, bis das Boot, in dem Fares nach Griechenland flieht, unentdeckt ablegen kann.

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Der 25-Jährige wird nervös, wenn er sich an die Überfahrt erinnert. „Die Schlepper haben uns vorher nicht gesagt, dass es sich um ein einfaches Schlauchboot handelt. Wir waren über 30 Leute, Männer, Frauen, Kinder. Die Schlepper setzen die Leute ins Boot und machen sich sofort aus dem Staub. Vorher fragen sie, wer schon mal ein Boot gesteuert hat und zeigen mit dem Finger vage in die Richtung, in die man fahren muss. Derjenige, der dann der „Kapitän“ ist, muss nichts bezahlen. Es ist total kriminell.“ Die Überfahrt dauert eineinhalb Stunden. Auf dem überladenen Boot darf sich währenddessen niemand bewegen, damit es nicht aus der Balance gerät. „Alle hatten Angst. Aber man hat keine Wahl – man muss stillsitzen, durchhalten und hoffen, dass das Boot nicht kentert.“ Für die Zitterpartie bezahlt Fares rund 1200 US-Dollar.
Auch Nasser gelangt auf ähnliche Weise nach Lesbos; in seinem Boot sitzen etwa 40 Personen. „Manche von uns bekamen beim Anblick des Bootes und des hohen Wellenganges Angst. Sie wurden von den Schleppern mit vorgehaltener Waffe gezwungen, es trotzdem zu besteigen“, erinnert er sich.
Beide erreichen unabhängig voneinander die Küste bei Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos. Zur nächsten Polizeistation sind es circa sechs Stunden Fußmarsch. Zwei Tage wartet Fares dort, bis er registriert wird und weiterreisen darf. Nassers Boot landet an einer anderen Stelle der Küste, sein Fußmarsch dauert ganze 14 Stunden. Er muss zwar nur zwei Stunden auf seine Registrierung warten, dafür aber weitere zwei Tage, bis er ein Ticket zur Weiterfahrt nach Athen kaufen kann. Geschlafen wird draußen in Parks, da alle Hotels gnadenlos überfüllt sind.

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Es geht weiter nach Athen, dann mit dem Bus über Thessaloniki nach Evzanoi. Von dort aus sind es zwei Stunden Fußmarsch bis zur mazedonischen Grenze. Niemand hält sie auf.
Durch Mazedonien gelangt Fares per Bus bis zur serbischen Hauptstadt Belgrad. Da die ungarische Grenze scharf bewacht wird, muss er sein Leben wieder kriminellen Schleppern anvertrauen. „Wir reisten mit mehreren Leuten, grüppchenweise brachten sie uns in Autos über die ungarische Grenze nach Österreich. Neben der Überfahrt auf dem Schlauchboot fand ich diesen Teil der Flucht am schlimmsten. Vor der ungarischen Grenze mussten wir über sieben Stunden in einem Wald ausharren, bis die Grenze nicht mehr so scharf bewacht wurde. Wir waren alle völlig erschöpf, hatten kaum Essen, kaum Trinken, wussten nicht wie es weitergeht.“ Fares führt eine Gruppe von sieben Personen an, die mitten in der Nacht bei strömendem Regen durch einen Wald im Grenzgebiet irren. Er ist der Einzige, der gut genug Englisch spricht und permanent mit dem Schlepper telefonieren kann. „In unserer Gruppe war ein älterer Mann. Wir mussten sehr schnell gehen, quer durch das Unterholz. Er rutschte aus und brach sich ein Bein. Zuerst haben wir noch versucht, ihn zu stützen. Aber er war zu groß und schwer, und wir mussten ihn zurücklassen. Es war furchtbar. Ich habe inzwischen erfahren, dass die Polizei ihn aufgegriffen und in ein Krankenhaus gebracht hat. Er ist jetzt in Schweden.“, erzählt Fares sichtlich erschüttert. Die Schlepper verlangen für diesen Teil der Flucht 1600 Euro. In Österreich werden sie von der Polizei aufgegriffen und nach Wien gebracht. Mit der Bahn reist Fares schließlich nach Dortmund, wo ein entfernter Verwandter von ihm wohnt. Die Reise von Griechenland bis Deutschland dauert insgesamt fünf Tage.

Nassers und Fares‘ Flucht unterscheiden sich nur in wenigen Details, das Wesentlich ist für beide identisch: „Man ist immer in Hetze, steht permanent unter Stress, es gibt keinen Moment der Entspannung. Da man auf dem Boot kein großes Gepäck mit sich führen kann, besitzt man nur noch die wichtigsten Dinge. Und es gibt kaum Nahrung oder Wasser. Und die ganze Zeit darf man trotz allem die Hoffnung nicht verlieren.“

Die beiden werden unabhängig voneinander in der Unterkunft Adlerstraße 44 untergebracht und verbringen dort ungefähr drei Monate. Sie freunden sich an und beschließen, sich gemeinsam um eine Wohnung zu bemühen. Beide besuchen zurzeit kostenlose Sprachkurse, die das Projekt Ankommen in Kooperation mit dem PDL (Projekt Deutsch lernen), einer Sprachschule in Dortmund, anbietet. Nasser muss zusätzlich einen Integrationskurs machen, da er Leistungen vom Sozialamt bezieht. „Das ist ganz schön hart, nach so vielen Jahren gleich zweimal am Tag wieder die Schulbank zu drücken“, lacht er, „aber es muss sein. Ich möchte sobald wie möglich genug Deutsch sprechen, um arbeiten zu können.“ Sein Traum ist es, eine Lehre zum Bankkaufmann zu machen. Auch Fares würde am liebsten sofort eine Arbeit finden, um dann sein Studium fortsetzten zu können und seinen Master in BWL zu machen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Immerhin beginnt sein Integrationskurs in wenigen Wochen – ein erster Schritt, um fit für die Zukunft in Deutschland zu werden.

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Seit kurzem treffen sie sich regelmäßig mit einer deutschen Pädagogin, um ihr Arabisch beizubringen. Im Gegenzug erhalten sie praktische Hilfe beim Deutsch lernen. Beide sind inzwischen aktive Mitglieder im Verein Projekt Ankommen und helfen, wo immer sie gebraucht werden. „Unser größter Dank gilt der deutschen Regierung und den Ehrenamtlichen, die uns unterstützen. Was sie für die Leute, die Schutz suchen, getan haben, ist unbezahlbar. Wir erfahren hier Menschlichkeit, bekommen eine Chance auf ein sicheres Leben. Wir möchten unseren Teil dazu beitragen und anderen ebenfalls helfen.“ Im Gespräch loben die beiden mehrfach das Projekt Ankommen, insbesondere die während des Interviews anwesende Ehrenamtliche A., die sie als Patin unterstützt. „Das Projekt ist eine großartige Sache“, meint Fares „Dazu ist es noch grundehrlich. Die Aktiven helfen einfach, weil Hilfe benötigt wird. Schnell und unbürokratisch – und nicht, um sich in irgendeiner Weise zu profilieren! Wir fühlen uns, als hätten wir nicht nur neue Freunde gefunden, sondern eine Familie.“ Dennoch sind die Ursprungsfamilien in Syrien nicht zu ersetzten. Mehrmals täglich kommunizieren die beiden mit ihnen über verschiedene Messenger. Denn auch wenn es in vielen Städten Syriens am Notwendigsten fehlt – Internet gibt es. Noch.

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Wir erkundigen uns bei Fares und Nasser nach Unterschieden zwischen dem Leben in Syrien und Deutschland. Der wesentlichste Unterschied ist für beide die Meinungsfreiheit. „Man kann einfach alles sagen, öffentlich. Das ist in Syrien schon immer anders gewesen. Es gibt dort auch viel Korruption, für alles muss man bezahlen. Wenn man zum Beispiel in einem Amt in einer Schlange steht, steht immer der ganz vorne, der am meisten bezahlen kann. Hier in Deutschland gibt es das einfach nicht. Wenn ich in der Ausländerbehörde anstehen muss, kann ich davon ausgehen, dass alle anderen genauso lange warten müssen wie ich“ erzählt Fares. „Was bei uns auch anders ist, ist das Verhalten in der Öffentlichkeit. Wenn ein Ehepaar auf der Straße unterwegs ist, hakt sich höchstens einer beim anderen unter. Keiner hält Händchen oder küsst sich in der Öffentlichkeit. Es ist nicht verboten wie zum Beispiel im Iran, aber man macht sowas eher zu Hause, nicht draußen. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen, wenn man das nicht kennt.“ meint Nasser.
„In Deutschland gibt es viel mehr Bürokratie als in Syrien. Und damit mehr Post. Bei uns ist es nicht üblich, so viel über Briefe zu kommunizieren. Wir erledigen alles eher mit Anrufen oder Kurznachrichten. Ich habe schon einen ordentlichen Stapel Papier angesammelt, seit ich hier bin.“ ergänzt Fares schmunzelnd. „Andererseits ist es auch schön, wenn alles so ruhig und geordnet abläuft.“
Beiden gefällt das Leben in Dortmund ausgesprochen gut, sie schätzen die offene und herzliche Art der Menschen, die sie hier bereits kennengelernt haben. Das Einzige, was ihnen nicht gefällt ist, dass sie noch nicht arbeiten können. „Wir haben viel verloren“, meint Nasser, „aber hier in Deutschland wurden wir freundlich aufgenommen. Wir möchten nützliche Mitglieder der deutschen Gesellschaft werden und das zurückgeben, was uns geschenkt wurde. Wir sind ja nicht hier hergekommen, um dem deutschen Staat das Geld aus der Tasche zu ziehen, sondern, weil wir keine andere Wahl hatten.“

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

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