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Firas, 27

Vor 15 Monaten floh Firas aus seiner syrischen Heimatstadt ar-Raqqa, die bis 2016 als Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) galt. Vor einem Jahr bezog der 27-Jährige eine kleine Wohnung im Dortmunder Vorort Lütgendortmund, wo wir ihn an einem wolkenreichen Sonntag besuchen.

Bis zur Eroberung von ar-Raqqa durch den IS lebt Firas dort zusammen mit seinen Eltern, seinen zwei Brüdern und seiner Schwester. Er absolviert ein Lehramtsstudium und ist anschließend drei Jahre lang als Lehrer für Arabisch tätig. Doch nachdem der IS die Stadt fast vollständig besetzt hat, erwägt die Familie die Flucht der drei Söhne: „Mein Vater meinte, dass wir entweder in eine andere Stadt oder in ein anderes Land gehen sollten. Wir haben mehrere Tage hin und her diskutiert. Da jedoch die Lage in anderen syrischen Städten ähnlich bedrohlich wurde, haben wir uns dafür entschieden, das Land zu verlassen und nach Deutschland zu fliehen.“ Die Familie ist zwar nicht reich, doch der Vater hat als Ingenieur einige Rücklagen anlegen können. Diese investiert er nun in die Zukunft seiner Söhne. Die Eltern selbst möchten ihre Heimat nicht verlassen; für die Schwester ist die Flucht zu gefährlich – sie flieht ins nahe Ägypten und kommt dort bei Verwandten unter.

Als ältester Sohn verlässt Firas als letzter seine Eltern: Mit einigen anderen überquert er im Sommer 2014 zu Fuß die Grenze zur Türkei. „Wir sind fast vier Tage gelaufen. Als wir dann an der Grenze waren, haben wir über sechs Stunden das Kommen und Gehen der Grenzschützer beobachtet.“ Da die Grenze von beiden Seiten überwacht wird, muss man schnell sein, sobald sich ein günstiger Moment bietet. Als die syrischen Soldaten für einen Augenblick nicht zu sehen sind, scheint die Chance gekommen. „Leider hatten wir nicht mit den türkischen Soldaten gerechnet, die sich nur kurz verborgen gehalten hatten. Da hieß es: rennen, und zwar schnell!“, lacht Firas. Beinahe wird er geschnappt, doch die Soldaten kriegen nur seinen Rucksack zu fassen. „Das hat mich etwas traurig gemacht, weil darin auch ein Ring meiner Mutter und ein Bild meiner Freundin waren“. Wichtige Dokumente und Bargeld hatte Firas sich zuvor um den Bauch gebunden, darunter sein Abiturzeugnis, sein Diplomzeugnis und alles andere, was er für seinen Neustart in Europa zu benötigen glaubt.

Die Gruppe legt in den nächsten Tagen mehrere hundert Kilometer per Bus zurück – von Gaziantep über Istanbul nach Izmir, wo Firas versucht, einen Schlepper für die Überfahrt nach Griechenland zu organisieren. Kurz darauf ist er einer von 40 Menschen, die nachts ein Schlauchboot in Richtung Griechenland besteigen. Die Strecke bis zur griechischen Hafenstadt Mytilini ist mit dem Schlauchboot in etwa zwei Stunden zu bewältigen. Doch der erste Versuch misslingt, da das Boot nach einer Stunde von der türkischen Wasserschutzpolizei entdeckt wird. „Alle an Bord weigerten sich, sich zurück zur türkischen Grenze transportieren zu lassen. Da nahmen sie uns einfach unser Benzin weg und fuhren davon. 40 Leute, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, mitten auf dem Meer, in einem Schlauchboot – das muss man sich mal vorstellen!“, empört sich Firas. Zu dieser Zeit ist das Abkommen über die Rücknahme von Geflüchteten zwischen der EU und der Türkei noch nicht in Kraft. Menschen, die von der türkischen Küste aus in Richtung Europa fliehen, sind deshalb der Willkür des türkischen Grenzschutzes ausgesetzt.

Die ganze Nacht treibt das Boot mit den verängstigten Insassen auf dem Meer. „Gegen Mittag fand uns endlich ein großes Schiff und schleppte uns mit Hilfe eines Seils ab – zurück nach Istanbul.“ Wenige Stunden später unternimmt die Gruppe einen zweiten Versuch. Auch dieser wird vereitelt – diesmal allerdings vom europäischen Grenzschutz, der versucht, die Menschen auf dem Boot einzuschüchtern, da auch die EU sie nicht aufnehmen möchte. Einer der Grenzschützer zersticht eine Luftkammer des Bootes, das daraufhin erneut der türkischen Küstenwache übergeben wird. „Die Frauen und Kinder gerieten in Panik; sie dachten, dass wir jetzt sinken und alle sterben. Ich konnte sie aber irgendwann beruhigen, indem ich erklärte, dass das Boot mehrere Luftkammern hat. Aber die Situation war schon sehr unangenehm, sehr brutal. Man ist nicht nur dem Meer ausgeliefert, sondern auch den Soldaten.“

Der dritte Versuch gelingt: „Ich erinnere mich gerne daran. Als wir Mytilini erreichten, war es für alle ein Moment der Freude und unendlichen Erleichterung.“ Nach einige Tagen Wartezeit auf das Kurzvisum reist Firas zusammen mit vier anderen Männern, die er auf der Flucht kennen gelernt hat, weiter nach Athen; von dort mit aus mit verschiedenen Verkehrsmitteln über Serbien und Ungarn nach Deutschland. Wundersamerweise entgehen sie allen Kontrollen. Als er in München ankommt, ist er rund 32 Tage unterwegs und hat sein ganzes Geld (rund 2500 Euro) ausgegeben. „Ich habe zuerst meinen Eltern angerufen und dann meinen Bruder Aiman, der bereits in Dortmund, in der Unterkunft Hacheney, lebte. Dorthin reisen die fünf jungen Männer mit Regionalzügen. Nach 12 Stunden Fahrt können sie sich bei Firas Bruder erstmals richtig ausruhen. „Wir waren fix und fertig, haben erstmal drei Tage lang nur geschlafen. Dann wurden wir für eine Unterkunft in Hemer eingeteilt, wo wir auch unseren Antrag auf Asyl gestellt haben.“ 12 Tage später wird Firas der Dortmunder Unterkunft Adlerstraße 44 zugeteilt, wo er knapp sieben Monate verbringt.

„Die Zeit dort war schlimm,“ erinnert er sich, „wir waren zu zwölft auf einem Zimmer. 12 Menschen mit verschiedenen Gewohnheiten, anderem Schlafrhythmus und unterschiedlichem Ordnungsempfinden. Und nichts zu tun den ganzen Tag. Das war sehr, sehr deprimierend. Zum Glück habe ich irgendwann Beate kennengelernt. Ohne sie hätte ich keine Chance gehabt.“ Beate ist eine 40-jährige Dortmunderin, die sich ehrenamtlich für den Verein ‚Train of Hope‘ engagiert. Sie unterstützt Firas und seinen Bruder, die als Syrer den Anspruch auf Asyl bereits erworben haben, bei der Suche nach einer Wohnung und einem Sprachkurs. Durch Beates Vermittlung wird er im August 2015 Teil des Theaterprojektes „Say it loud – Stories from the brave new world“ am Kinder- und Jugendtheater Dortmund. „Das Theaterprojekt war genau das Richtige für mich; ich konnte mich mit allem, was mir passiert ist, auseinandersetzten. Und ich hatte endlich wieder etwas, an dem ich arbeiten konnte.“ Zusammen mit anderen jungen Menschen aus verschiedenen Kriegs- und Krisengebieten arbeitet Firas sein Schicksal als Geflüchteter auf und feiert mit dem Stück im Juni 2016 Premiere.

Im Rahmen der Theaterarbeit verbringt die Gruppe zwei Wochen in Italien. „Die Menschen in Italien waren auf Anhieb viel freundlicher, viel herzlicher. Die Deutschen sind viel distanzierter; es ist schwierig, ihr Vertrauen zu gewinnen.“, erzählt Firas. Und auch, dass er hier den Familienzusammenhalt vermisse, der in Syrien so selbstverständlich sei. „Deutschland ist die Nummer 1 in so vielen Dingen, nur Spontaneität gehört leider nicht dazu. Alles muss vorher geplant werden. Es ist zum Beispiel nicht üblich, bei einem meiner deutschen Freunde unangemeldet einfach vorbeizukommen. Daran muss ich mich erst einmal gewöhnen.“ An Deutschland gefällt ihm vor allem das funktionierende soziale System. „Wenn du weißt, was du möchtest und bereit bist, dafür zu arbeiten, bietet dir Deutschland viel Unterstützung.“

Vor kurzem hat Firas seinen Integrationskurs abgeschlossen; nun möchte er sich für einen Praktikumsplatz im IT-Bereich bewerben. „Ich habe mir bereits vor meinem Lehramtsstudium selbst ein paar Programmiersprachen beigebracht. Natürlich mag ich meinen Beruf als Lehrer, aber in meinem Alter und bei meinen jetzigen Sprachkenntnissen wäre es schwierig, nochmal ein komplettes Lehramtsstudium zu beginnen. Deshalb konzentriere ich mich jetzt auf meine anderen Fähigkeiten.“ Seit einigen Wochen erteilt er Flüchtlingskindern an einer Dortmunder Grundschule Arabischunterricht. „Diese Kinder haben es besonders schwer, denn sie müssen nicht nur ihre Muttersprache, sondern auch noch die deutsche Sprache lernen. Aber es ist wichtig, dass sie beides beherrschen. Falls der Krieg in Syrien eines Tages endlich vorbei sein wird.“

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

 

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