Interviews

Hassam, 22

Hassam stammt aus Herat in Afghanistan; er wird nur wenige Jahre vor dem verheerenden Krieg geboren. Als er 10 Jahre alt ist, ändert sich sein Leben schlagartig: Eine amerikanische Fliegerbombe zerstört das Haus seiner Familie. Seine Schwester kommt dabei zu Tode, er und sein Bruder werden schwer verletzt. Durch die Unterstützung einer internationalen Hilfsorganisation erhält die Familie finanzielle Entschädigung, Hassam wird mehrmals operiert. Sein linkes Bein muss letztendlich amputiert werden, sein rechtes Bein ist schwer verbrannt und wächst schief zusammen.
Nach Abschluss der Schule arbeitet er einige Monate in einem Kiosk der Hilfsorganisation. Afghanistan ist mittlerweile vom Krieg zerrüttet, Talibangruppen und NATO bekämpfen sich weiter; ständig gibt es Anschläge, deren Ziel nicht selten die Zivilbevölkerung ist. Hassam und seine Familie sowie zahlreiche seiner Landsleute fliehen in den Iran.

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Offiziellen Angaben zufolge leben etwa zwei Millionen Afghanen im Iran. Da die meisten von ihnen Flüchtlinge sind, dürfte die Dunkelziffer sogar deutlich höher liegen. Die offene Diskriminierung durch die iranische Regierung und die Ablehnung in der Bevölkerung machen ihnen das Leben dort allerdings nicht leicht. „Im Iran wird man als Afghane beschimpft und beleidigt, darf nicht arbeiten, nicht zur Schule gehen, nicht studieren. Das Regime verbietet auch generell alles, was Spaß macht: Musik hören, tanzen, Freude. Meine Eltern leben dort noch immer. Leider.“
Trotz seiner körperlichen Beeinträchtigung wagt der 20-Jährige die Flucht in die Türkei. Auf Krücken läuft er fast zwei Tage bis zur türkischen Grenze. Irgendwann erreicht er Istanbul, findet Freunde, bei denen er übernachten kann, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Doch auch in der Türkei werden Flüchtlinge benachteiligt; Hassam ist nun nicht mehr von Bomben bedroht, sondern von völliger Perspektivlosigkeit. Schließlich lässt er sich von Freunden dazu überreden, den gefährlichen Weg nach Europa anzutreten.

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Zusammen mit 30 anderen Passagieren quetscht er sich in ein dolmuş, ein türkisches Sammeltaxi, das normalerweise nur halb so viele transportieren darf. Die Fahrt nach Izmir dauert über 15 Stunden. Von dort aus muss die Gruppe stundenlang durch die Berge laufen. Hassam ist schlecht ausgerüstet, hat weder ausreichend Wasser noch genügend warme Kleidung dabei. Zudem ist der Marsch für ihn ungleich anstrengender als für die anderen. Zahlreiche Narben zeugen auch heute noch von den Verletzungen, die er sich auf der Flucht zuzog. „An einer Stelle mussten wir eine Straße überqueren. Die anderen stiegen über die Leitplanken. Ich musste mich darüber fallen lassen.“ Schließlich erreichen sie das Schiff, das sie nach Europa bringen soll. Hassam ist schockiert: „Es war so ein kleiner Kahn, mit Platz für höchstens 30 Leute. Ich habe 95 gezählt, darunter auch viele Familien mit kleinen Kindern.“ Es bleibt ihm keine Wahl, denn er ist bereits völlig entkräftet und kann keinesfalls alleine durch die Berge zurücklaufen. Nicht auf Krücken, nicht mit nur einem Bein.

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Die Fahrt übers Meer dauert zwei Tage. „Es war schrecklich. Wir mussten immer leise sein, vor allem, als wir in die Nähe der Küste kamen. Alle waren hungrig und durstig. Die Schlepper hatten zwar Wasser dabei, aber sie verkauften es zu einem horrenden Preis von 100 $ pro Flasche. Einem Vater, der fünf Flaschen für seine Familie kaufen musste, nahmen sie 500 $ ab.“
In der folgenden Nacht erreicht das Boot die Küste Kalabriens. Die Schlepper flüchten in einem kleinen Beiboot und überlassen die Flüchtlinge ihrem Schicksal. „Wir riefen um Hilfe. Laut, lange. Die Wellen wurden unruhiger, wir wussten nicht, ob das Boot kentert. Die Kinder weinten. Es war schrecklich.“ Doch sie haben Glück im Unglück, denn das Boot wird von der italienischen Küstenwache entdeckt und zum nächsten Hafen geschleppt.

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Zwei Tage später besteigt Hassam mit einigen anderen Flüchtlingen einen Zug in Richtung Rom. Von dort aus ruft er zuerst seine Familie an. „Meine Mutter hat vor Glück geweint, sie hatte mehr als eine Woche nichts mehr von mir gehört“. Nach einigen problematischen Tagen in Rom macht er sich zusammen mit ein paar anderen Flüchtlingen auf den Weg nach Mailand. „Dort schliefen wir im Bahnhof. Fast jede Nacht kam die Polizei vorbei und scheuchte uns wieder nach draußen. Mir erlaubten sie zu bleiben“. Mit dem Geld, das seine Eltern über Umwege nach Italien schicken konnten, kauft sich Hassam ein Zugticket nach Deutschland. Nach der Ankunft in Frankfurt wird er einem Übergangslager in Bielefeld zugeteilt, danach einem in Schöppingen. Schließlich kommt er in die Übergangseinrichtung Adlerstraße 44 in Dortmund, wo er fast zehn Monate lebt und ihm ein Rollstuhl organisiert wird.

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Mittlerweile wohnt Hassam in einer eigenen barrierefreien Wohnung. Mit Hilfe des Projekts Ankommen hat er sie liebevoll eingerichtet und dekoriert. Er fühlt sich wohl dort: „Ich mag es gerne hübsch. Meine Wohnung soll schön sein.“ Dabei weist er auf die vielen selbstgemachten Verzierungen hin.
Auf sein Anhörungsgespräch wartet er allerdings immer noch. Wenn es so weit ist, wird er die Details seiner Flucht selbst schildern können, denn er spricht inzwischen recht gut Deutsch.
In Kürze wird er mit einem Integrationskurs beginnen und seine Kenntnisse noch erweitern. „Durch meine vielen Krankenhausaufenthalte konnte ich nur elf Jahre die Schule besuchen – das heißt aber nicht, dass ich dumm bin.“ Mit viel Glück wird auch Hassams Knie bald operiert werden können. Und dann? „Ich würde gerne einen Beruf erlernen, wenn mein Deutsch gut genug ist. Und ich möchte Freunde finden.“ Ganz normale Dinge also.
Bleibt zu hoffen, dass er nicht – wie mehrere Tausend afghanische Asylsuchende – abgeschoben wird, obwohl die Realität dagegen spricht.

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Nachtrag Januar 2016: Hassam befindet sich im Krankenhaus, wo sein Bein gerichtet werden soll. Die Bundesregierung hat soeben beschlossen, das Mandat in Afghanistan bis 2017 zu verlängern. Trotzdem wird noch diskutiert, ob Afghanistan als sicheres Herkunftsland einzustufen ist.

 

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

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