Und was ist mit Syrien?

Die Bundestagswahl, Trump, Erdogan, Nordkorea und andere News haben in den letzten Wochen den Krieg in Syrien aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt. Denn ja – es ist immer noch Krieg dort, und er lässt weiterhin Menschen vor seinen Grausamkeiten fliehen. Wir haben mit einigen unserer Interviewpartner*innen gesprochen, die dort Familie und Freunde zurücklassen mussten.

Mohammed (33) aus Deir ez-Zor

Die ursprünglich friedliche syrische Revolution ist durch die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft leider zu einer bewaffneten Revolution geworden. Dabei weiss die internationale Gemeinschaft doch, dass das syrische Regime kriminell und diktatorisch ist! Der syrische Bürgerkrieg ist sehr komplex: Amerika unterstützt kurdische Separatisten, Russland unterstützt das syrische Regime, die Türkei die Muslimbruderschaft, der Iran die schiitische Milizen. So ist Syrien eine Arena für die Beilegung internationaler Konflikte geworden – auf Kosten der Menschen, die dort leben.

Der größte Teil der Menschen in Syrien ist müde – und würde jede Lösung akzeptieren, um den Krieg zu beenden. Viele Menschen könnten aber nicht akzeptieren, dass das syrische Regime um Baschar Al-Assad Teil dieser Lösung ist und an der Macht bleibt, er hat zu viele Verbrechen an seinem eigenen Volk verübt. Ich persönlich kann nicht nach Syrien zurückkehren, wenn das syrische Regime bleibt. Ich kann nicht vergessen, dass das syrische Regime die Demonstranten und die Rebellen getötet hat. Sie töteten meine Familie, meine besten Freunde. Wie kann ein Mensch das vergessen? Das die internationale Presse nicht mehr darüber berichtet, wie mein Volk stirbt, macht mich sehr traurig. Denn die Situation ist nach wie vor sehr, sehr grausam und schrecklich. Meine Eltern sind inzwischen in Griechenland, denn nach Deutschland kommt man nicht mehr durch. Es geht ihnen nicht gut, denn sie sind beide krank – aber zumindestens sind sie nun sicher vor den Bomben des Regimes.

 

Esmail (23) aus Deir ez-Zor

Deir ez-Zor ist ein Schlachtfeld, die Truppen des syrischen Diktators Al-Assad und die russischen Truppen Putins kämpfen intensiv gegen den IS – mit allen Mitteln. Schon im Januar diesen Jahres haben sie angefangen, die Stadt zu bombadieren, allein in den letzten 2 Wochen sind so mehr als 200 Zivilisten ums Leben gekommen. Wer noch kann, flüchtet aus der Stadt und dem Umkreis. In den letzten 3 Wochen sind mehr Menschen geflüchtet seit Beginn des Krieges, hunderte von Bombenangriffen wurden auf Deir ez-Zor geflogen, über 600 Zivilisten wurden dabei getötet. Die Stadt gleicht einem Trümmerfeld.

Eigentlich sollte man meinen, dass die internationale Staatengemeinschaft gegen Diktatoren wie Assad mit gemeinsamen Kräften vorgeht. Aber was passiert? Der Iran, die Türkei und viele andere profitieren vom Chaos und nutzen Syrien als Spielfeld für ihre Interessen. Der Iran schickt jetzt sogar afghanische Flüchtlinge zum Kämpfen nach Syrien – im Tausch gegen einen Hungerlohn und eine Aufenthaltserlaubnis. Viele davon sind nicht älter als ich.

Was mich wirklich wütend macht ist meine Hilflosigkeit. Ich sitze hier im sicheren Deutschland und kann einfach nichts tun! Die Medien berichten nicht viel mehr darüber, was in Syrien passiert, das ist grausam und hässlich. Höchstens noch über den IS oder die anderen Truppen, die in Syrien kämpfen. Was sie vergessen, sind die Menschen. Das macht mich sprachlos.

Reem (31) aus Damaskus

Es ist furchtbar, dass niemand mehr über den Krieg in Syrien berichtet, aber wir werden uns wohl oder übel daran gewöhnen müssen. Die Konflikte im Arabischen Raum sind alt und kompliziert, ich glaube nicht, das der Westen das immer versteht. Der Diktator Al-Assad ist jetzt mit den Russen in Deir ez-Zor und macht es dem Erdboden gleich – jeder, der nicht für ihn ist, soll sterben. In meiner Heimatstadt bei Damaskus ist es deswegen etwas ruhiger als noch vor ein paar Monaten, aber immer noch nicht sicher, es fallen immer noch Bomben und die Menschen haben sehr wenig zum Leben – also Wasser, Essen und Strom. Meine Familie ist müde vom Krieg, mein kleiner Bruder versteckt sich, er soll zum Militär eingezogen zu werden. Sie haben die Hoffnung aufgegeben.

Ich glaube nicht mehr daran, dass der Krieg in einigen Jahren vorbei ist. Die Türkei bereitet sich gerade darauf vor, die Kurden davon abzuhalten, eine unabhängige Republik im Irak auszurufen. Und Assad’s Truppen könnten jederzeit in den Konflikt eingreifen, denn auch sie bekämpfen die kurdische Freiheitsbewegung. Vielleicht wird der Krieg so noch 20 weitere Jahre dauern. Und es wird nichts ändern, egal, ob die internationalen Medien darüber berichten oder nicht.

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