Interviews

Jude, 31

Am ersten Weihnachtstag 2011 verübt die radikal-islamische Terrororganisation Boko Haram in mehreren Städten Nigerias Bombenanschläge auf christliche Kirchen. In Madalla, unweit der nigerianischen Hauptstadt Abuja, explodiert eine Autobombe vor der St. Theresa Catholic Church. Mehr als 35 Menschen sterben – darunter vier von Judes Brüdern.

20150914-IMG_0076

„Einer meiner Brüder, meine schwangere Frau und ich sind an diesem Tag nicht zur Kirche gegangen, weil sich meine Frau nicht wohlfühlte. Kurz nachdem die anderen zur Weihnachtsmesse gegangen waren, gab es eine laute Explosion. Wir lebten in der Nähe der Kirche – das Dach unseres Hauses flog weg, so stark war die Explosion. Meine Frau wurde ohnmächtig. Es war grauenvoll. Wir hörten Schreie. Lärm. Sahen das Chaos. Wir wussten nicht, ob meine Mutter und meine Brüder überlebt hatten.“

20150914-IMG_0103

Die lokalen Behörden sind völlig überfordert. Es gibt keine ausreichende medizinische Versorgung für alle Opfer, vor allem fehlt es an Krankenwagen, um die Verletzten in die umliegenden Hospitäler zu bringen. Als Faith, Jude und sein Bruder zum nächsten Krankenhaus eilen, erfahren sie, dass Mutter und Brüder unter den Vermissten sind. Nach stundenlanger Suche finden sie die Mutter in einem anderen Krankenhaus wieder. „Wir rannten in absoluter Dunkelheit von einem Hospital zum nächsten. In Nigeria ist die Stromversorgung chronisch instabil, die Explosionen gaben ihr den Rest. Meinem Bruder, meiner Frau und mir ging es einigermaßen gut, aber meine Mutter wurde schwer verletzt. Sie verlor durch die Explosion ihr noch verbliebenes Augenlicht und ist seitdem blind.“ Judes Frau muss zunächst zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben, während eine Tante seinen Bruder mit zu sich nach Hause nimmt – nach Kano, einem Dorf in der Nähe. Faith und Jude folgen ihnen einige Tage später.

20150914-IMG_0160

Seit im Norden Nigerias durch Boko Haram die Scharia – das islamische Strafrecht – eingeführt wurde, ist die Gewalt zwischen Christen und Muslimen förmlich explodiert. Überfälle, Entführungen und Hinrichtungen sind an der Tagesordnung. Nigeria gelangt zu trauriger Berühmtheit, als 2014 über 276 Schülerinnen von Boko Haram aus ihrem Internat in Chibok (Bundesstaat Borno) entführt werden. Die internationale Gemeinschaft verurteilt diese Entführungen, dennoch sind auch heute noch mehr als 220 der jungen Frauen in Gefangenschaft. „Die Welt hat großes Mitgefühl für diese Mädchen gezeigt, aber es vergeht nach wie vor kein Tag, an dem nicht weitere Menschen gekidnappt werden. Sie nennen es ‚Adoptionen’“, erklärt Jude traurig. „Es ist noch lange nicht vorbei.“

20150914-IMG_0035

Im Haus ihrer Tante hat die kleine Familie zwar eine vorübergehende Unterkunft, doch der Mann der Tante verbietet ihnen, unter seinem Dach ihre christliche Religion zu praktizieren. „Die Lage wurde sehr schwierig. Meine Tante ist zum Islam konvertiert, als sie geheiratet hat. Wir sind überzeugte Christen. Meine einzige Schwester ist sogar im Schwesternseminar. Nachdem wir unsere halbe Familie verloren hatten, fühlten wir uns nur noch furchtbar. Wir mussten beten, um Trost zu finden. Meine Tante aber war von ihrem Mann total indoktriniert worden – sie war zwar unsere Verwandte, stand aber nicht zu uns. Uns wurde verboten, zur Messe zu gehen. Also beteten wir im Dunkeln, heimlich, still und leise.“

20150914-_MG_0006

Der Mann der Tante ist sich sicher, dass ihnen all die schrecklichen Dinge nur wegen ihrer ‘falschen‘ Religion zugestoßen seien. Alles sei ihre eigene Schuld, nur die sofortige Konvertierung zum Islam, zur ‘wahren‘ Religion, könne sie retten. Die Situation eskaliert, als sie am Morgen des 31. Dezembers eine Gebetskerze für Judes verstorbene Brüder anzünden. Sie werden von ihrer Tante und deren Mann buchstäblich aus dem Haus geprügelt. „Sie schrien uns an, sagten, dass sie uns niemals gekannt hätten, nannten uns ‚Ayamiri‘, Ungläubige des Islam. Auf der Straße schlugen sie, zusammen mit anderen streng Gläubigen aus dem Dorf, auf uns ein, auch auf meine schwangere Frau. Mein Bruder schrie nur noch ‚Mein Auge! Ich kann nichts sehen! Ich kann nichts sehen!‘ An diesem Punkt dachte ich, dass es einfacher wäre, zu sterben“, erzählt Jude. Die Polizei verweigert ihnen jeglichen Beistand, doch ein Nachbar nimmt sich der Verwundeten an. Jude nennt ihn den ‘guten Samariter‘. Mit seiner Hilfe gelingt es ihnen, aus dem Land zu fliehen. Ihre Mutter müssen sie in Nigeria zurücklassen.

Die Narben auf Judes Köper sind heute noch sichtbar. Auch heute noch kann er nicht verstehen, wie ihn seine Tante im Stich lassen konnte: „Wir hatten einfach alles verloren – Brüder, Haus, Geld, Papiere. Religion sollte da doch kein Thema sein – oder?“

20150914-IMG_0159

Die drei fliehen in den Nachbarstaat Niger, durchqueren diesen und landen schließlich in Gatron, einer kleinen Stadt in Libyen. Da es dort an der nötigen medizinischen Versorgung für Judes Bruder und die inzwischen hochschwangere Faith fehlt, ziehen sie weiter in die größere Stadt Sabha. Die Familie scheint dort zunächst in Sicherheit.
Da sie ihre beruflichen Qualifikationen – Jude war als Kundenberater bei einem Finanzunternehmen tätig, sein Bruder studierte Politikwissenschaften – nirgends einsetzen können, gründet Jude sein eigenes kleines Unternehmen. „Zusammen mit ein paar Hilfsarbeitern baute ich in nur kurzer Zeit eine kleine Firma auf: Wir verschönerten die Innenwände von Häusern und Wohnungen, planten, tapezierten, strichen. Meine Spezialität war Glanzputz, eine teure und aufwändige Wandverschönerung, sehr beliebt in Libyen. Libyen ist reich – und anspruchsvoll.“ Im Mai 2012 wird Sohn Pascal in Sabha geboren.

20150914-IMG_0150

Doch der Frieden währt nicht lange. 2011 wird Diktator Gaddafi gestürzt, seither droht das Land im Chaos zu versinken. Verschiedene Milizen kontrollieren das Land, darunter auch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Afrikanische Gastarbeiter werden regelmäßig attackiert; es geht das Gerücht um, dass sie Söldner des ehemaligen Diktators seien. Anfeindungen gegenüber ausländischen Migranten werden gesellschaftskonform, ebenso offener Rassismus: Farbige werden in aller Öffentlichkeit als ‘Affen‘ beschimpft. Geschichten über Entführungen und Morde machen die Runde. Jude wird zum ersten Mal an einem heißen Tag im August, während des Ramadans, entführt. „Sie fuhren mit mir stundenlang quer durch die Stadt, quälten mich, schrien mich an, ich solle ihnen sofort 5000 Libysche Dinar aushändigen (etwa 2300 Euro), sonst würden sie mich umbringen. Mir blieb nichts anderes übrig, als sie zu mir nach Hause zu führen und ihnen all unsere Ersparnisse auszuhändigen – über 6000 Dollar. Was hätte ich machen sollen?“ Wieder hat die Familie fast alles verloren, wieder verweigert die Polizei ihre Hilfe. Chaos und Anarchie regieren mittlerweile in Sabha, auch einheimische Libyer verlassen die Stadt. Sogenannte ‘Asma boys‘, eine Art illegale Polizei, patrouillieren durch die Straßen und terrorisieren die Bürger, vor allem in der Nähe von Kirchen. Nur ein paar Wochen darauf wird Jude abermals entführt. Seine Entführer bringen ihn in die Wüste und zwingen ihn, niederzuknien. Drei Tage ist er gefangen, muss ununterbrochen wiederholen: ‘Allah ist groß und Mohammed ist sein Prophet‘ – immer und immer wieder. Er muss ihnen versprechen, innerhalb einer Woche zum Islam zu konvertieren, wenn er nicht mit einer Kugel im Kopf enden will.

20150914-IMG_0034

„Einer meiner Geschäftspartner bot uns seine Hilfe an. Er sagte, er habe Verbindungen in Tripolis und könne mir dort Kontakte vermitteln. Ende Juli 2013 flohen wir hastig aus Sabha.“ Als sie in Tripolis ankommen, taucht der Kontakt seines Partners nicht auf, die Familie wartet stundenlang und wird zu allem Übel auch noch überfallen. „Sie nahmen alles mit, was wir nicht perfekt versteckt hatten: Geld, Handys – alles weg. ‚Dieser Ort ist nicht für euch gemacht‘, sagten sie. Wir waren verzweifelt.“, erzählt Faith.

Nach drei Tagen auf der Straße geraten sie an einen Mann, der offensichtlich der Kontakt des Geschäftspartners aus Sabha ist. „Er brachte uns in ein Haus, wo wir endlich essen, baden und schlafen konnten. Dann ließ er uns allein und versprach, in den nächsten Tagen meinen Partner zu kontaktieren. Doch wieder hatten wir kein Glück. Drei Tage später kam er mit einigen bewaffneten Männern zurück und raubte uns gänzlich aus.“
Judes Familie wird noch einige Tage unter Androhung von Waffengewalt im Haus festgehalten, ihre Nahrung besteht einzig aus trockenem Brot und Milch. Schließlich werden sie von den Geiselnehmern zum Meer gebracht und gezwungen, mit vielen anderen ein Boot zu besteigen.

20150914-IMG_0143

„Es war ein kleines Boot, so ein offenes, aus Holz. Ich weiß nicht, wie viele Leute normalerweise in so einem Boot fahren dürfen. Aber bestimmt nicht so viele, wie wir es waren: über 100“, erzählt Faith. Lediglich 300 km trennen Tripolis von der italienischen Küste, doch die vermeintlich kurze Überfahrt wird für die Passagiere zum Alptraum: Nach nur wenigen Stunden auf See schlägt das Boot leck. „Wir waren auf dem offenen Meer, in Panik schrien wir nach Hilfe, versuchten, mit unseren Handys Lichtsignale in die Nacht zu senden. Es war der Horror. Ich dachte: Nun sterbe ich.“ Gottlob wird ein vorbeifahrendes Frachtschiff auf die Gruppe aufmerksam, darf jedoch nicht zu nahekommen, da die Gefahr besteht, dass das viel kleinere Boot kentert. Es dauert mehrere Stunden bis alle Passagiere mit Hilfe von Beibooten gerettet werden können. Sie gehören damit zu den hunderttausenden Menschen, die durch die italienische Militäroperation Mare Nostrum vor dem sicheren Tod bewahrt wurden.

Zusammen mit hundert anderen werden Jude, sein Bruder, der kleine Pascal und die erneut schwangere Faith in eine Notunterkunft gebracht, zwei Wochen später in ein Auffanglager irgendwo in Kalabrien. Hier bleibt die Familie einige Monate, Judes Bruder wird allerdings in ein anderes Lager verlegt, da sich sein gesundheitlicher Zustand während der Flucht zusehends verschlechtert hatte. Im Februar 2014 muss Jude vor einer Kommission aussagen und erhält aus humanitären Gründen eine vorübergehende Duldung. „Aber das war auch alles – sonst bekamen wir nichts. Keine volle Aufenthaltserlaubnis, keine medizinische Versorgung, keine Wohnung. Sie erlaubten uns auch nicht, nach Libyen zurückzukehren – es sei ‚zu gefährlich‘. Wir waren so verzweifelt, dass wir sogar ernsthaft daran dachten, dorthin zurückzukehren.“

20150914-_MG_0097

Die Familie verbringt mehr als ein halbes Jahr in Italien. Am 1. Mai 2014 erblickt Tochter Pamela in Cosenza das Licht der Welt, Jude verdient mit Hilfsarbeiten etwas Geld. Als er genug gespart hat, setzt er Frau und Kinder in einen Zug nach Deutschland. „Wir hatten davon gehört, dass in Deutschland ein menschenwürdiges Leben möglich sein sollte. Es war unsere einzige Hoffnung, denn in Italien gab es einfach keine Zukunft für uns.“ Ein paar Wochen danach kann auch er sich ein günstiges Ticket nach Deutschland leisten. Sein Bruder folgt ihm einige Monate später.

20150914-IMG_0190

Es dauert eine Weile, bis die Familie wieder vereint ist, da Jude, sein Bruder und Faith mit den Kindern zunächst in verschiedenen Auffanglagern landen. Nach einigen Wochen finden Jude, Faith und die Kinder in der Dortmunder Übergangseinrichtung Adlerstraße 44 endlich wieder zusammen. Mit Hilfe des Projekts Ankommen können sie im Februar 2015 eine Wohnung im Stadtteilt Huckarde beziehen. „Es ist ruhig hier, sehr ruhig. Manchmal ist uns, ehrlich gesagt, etwas langweilig. Die Nachbarn sind sehr verschlossen. Und doch ist es tausendmal besser als alles, was wir seit unserer Flucht aus Nigeria erleben mussten.“ Jude und Faith nehmen an einem kostenlosen Deutschkurs teil, der vom Projekt Ankommen organisiert wird, der kleine Pascal besucht einen Kindergarten in der Nähe, und jeden Sonntag geht die Familie gemeinsam zur Messe. Jude möchte bald seinen Bruder, der zurzeit in einem Flüchtlingsheim in Dorsten lebt, zu sich holen. Am liebsten auch seine kranke Mutter, doch dazu muss zunächst der Asylantrag genehmigt werden. „Da ich in Italien bereits eine Duldung aus humanitären Gründen erhalten habe, kann dies mein Gesuch auf Asyl in Deutschland beeinflussen. Ich bete zu Gott, dass meine Familie nicht wieder auseinandergerissen wird. Wir mussten so viel Schreckliches erleiden, wir brauchen endlich Frieden!“

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

Teilen
Share on FacebookGoogle+Tweet about this on Twittershare on TumblrPin on Pinterest