Interviews

Michael, 28

Rund 11.000 Menschen flohen im Jahr 2015 aus dem ost-afrikanischen Eritrea nach Deutschland – im Jahr 2016 waren es bereits über 18.000 Menschen, die Reißaus vor der Militärdiktatur in dem relativ kleinen Land nahmen und in Deutschland Asyl beantragten.

Wir haben seit Beginn unseres Projektes versucht, Interviewpartner*innen aus Eritrea  zu gewinnen – lange vergeblich. Viele Eritreer haben Angst, zu reden. Der lange Arm der Diktatur reicht bis nach Deutschland. Und jegliches ‚unangemessene Verhalten‘, jede Kritik am Regime und an Machthaber Isayas Afewerki kann zu Repressionen gegen die Verwandtschaft im Heimatland führen. Dazu kommt, dass jeder Eritreer, der im Ausland lebt, zwei Prozent seines jährlichen Nettoeinkommens an den eritreischen Staat überweisen muss. Ganz egal, ob er einen Job hat oder Sozialhilfe bezieht. Diese „Aufbausteuer“ dient dem Regime als Druckmittel: Wer beispielsweise eine amtliche Bescheinigung aus der Heimat braucht, ein Abschlusszeugnis oder eine Heiratsurkunde, muss nachweisen, dass er diese Abgaben bezahlt hat. Wer das nicht tut, kann nicht einmal ein Paket nach Eritrea schicken.

Michael redet trotzdem mit uns. „Ich habe, als ich aus Eritrea fliehen musste, alle Brücken hinter mir abgebrochen. Ich werde nie wieder dorthin zurückkehren“, erklärt er. Der 27-jährige stammt aus der Hafenstadt Massaua, neben der Hauptstadt Asmara die wichtigste Stadt des Landes. Dort befindet sich der größte Hafen Eritreas. Trotzdem ist Massaua, so wie die übrigen Teile des afrikanischen Landes, vom Rest der Welt so gut wie abgeschnitten. Schuld daran sind die fast 30 Jahre währenden Konflikte mit den umliegenden afrikanischen Ländern, die massiven Beschädigungen der Infrastruktur und die repressive Politik der Regierung. Nicht umsonst wird Eritrea auch als „Nord-Korea Afrikas“ bezeichnet. Trotzdem bestreiten eritreische Regierungsvertreter jegliche Repressalien gegen die Bürger des Landes.

Nach Abschluss seiner Schulzeit soll Michael 2006 den sogenannten Nationaldienst leisten – wie alle jungen Eritreer. Hinter dem Begriff verbergen sich Zwangsarbeit für Militär und Regierung. Auch Frauen müssen – wenn sie nicht gerade ein Kind erwarten – diesen Dienst verrichten. Offiziell dauert der Nationaldienst 18 Monate. Wegen der laufenden Konflikte mit Nachbarländern oder auch einfach aus Willkür, wird er jedoch regelmäßig auf unbegrenzte Zeit verlängert. Für einen Monat Dienst erhält jeder Rekrut 500 Nakfa – umgerechnet etwa 10 Euro. Von diesem Sold lässt sich keine Familie ernähren. „Spaghetti, Pizza, Pasta – in Eritrea kennen wir nur den Namen dieser Gerichte, denn fast keiner kann sie sich leisten“, erzählt Michael.

Er verweigert zunächst den Militärdienst und hilft seiner Mutter und Großmutter, die Felder im Umland von Massaua zu bestellen. Seinen Vater hat Michael im Unabhängigkeitskrieg verloren, er war Soldat. „Mit meiner Mutter gab es viele Konflikte, ich fühlte mich nie geliebt – vielleicht war ich deshalb kein einfacher Sohn. Mein älterer Bruder war bereits im Militär, meine beiden anderen Brüder gestorben. Schon als Kind lief ich oft weg und hütete die Kühe, oder versuchte, alleine Geld zu verdienen. Beim ersten Mal war ich erst 10 Jahre alt.“

Zwei Jahre lang gelingt es Michael, dem langen Arm des Gesetzes zu entkommen, bis er 2008 vom Militär festgenommen wird. „Sie fassten mich bei einer Kontrolle, die gibt es ständig und überall. Ich kam in ein Straflager in der Nähe der Hauptstadt. Es war die Hölle.“
Die Zustände, die der junge Mann beschreibt, wirken wie ein Alptraum: Etwa 800 Menschen werden in einer Halle zusammengepfercht, die meisten davon sind aus denselben Gründen da. Es gibt kaum Platz zum Liegen, geschlafen wird meist im Stehen. Ihre Notdurft müssen die Insassen in einer einzigen Ecke verrichten. Nur einmal am Tag gibt es etwas Wasser, zweimal täglich etwas Brot, es reicht fast nie, um satt zu werden. „Wir waren alle dürr und abgemagert – und total zerkratzt, man konnte die Flöhe von Kopf zu Kopf springen sehen“, erinnert sich Michael schaudernd. Nach zwei Monaten in dem Gefängnis wird er zusammen mit 150 anderen Insassen in ein Militärlager verlegt. „Schon die Fahrt dorthin war absolut wahnsinnig: wir verbrachten über acht Stunden Fahrt in einem LKW, gut 150 Leute, sie mussten uns als quasi übereinander stapeln. Doch die Zustände im Militärlager waren noch schlimmer.“ Dort gibt es zwar ausreichend Wasser zu trinken, aber nur wenig zu essen. Stundenlang müssen die Häftlinge an militärischen Übungen teilnehmen oder Steine schleppen – bei Temperaturen weit über 30 Grad. Wer aufbegehrt, wird brutal gefoltert. Erst nach mehreren Monaten gelingt es Michael, aus dem Lager zu fliehen.

Der Militärdienst, die Armut im Land und die fehlende Rechtsstaatlichkeit sind die Hauptursachen für die Flucht von monatlich rund 5000 Menschen – bei einer Bevölkerung von nur vier Millionen. Ungefähr 120.000 Menschen finden in den Nachbarländern Sudan und Äthiopien Schutz, viele andere wagen den gefährlichen Weg nach Europa. Im letzten Jahr stellte eine Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats fest, dass es sich beim sogenannten Nationaldienst um Versklavung handelt und in Eritrea weitere Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden. Auch das „Verschwinden lassen“ von Bürgern, Verfolgung und Mord beklagt die Kommission.

Michael flieht im Schutz der Nacht, ohne Essen und Wasser oder eine Ahnung, wohin er läuft. In wenigen Tagen bewältigt er zu Fuß insgesamt 400 Kilometer.

In der zweiten Nacht seiner Flucht trifft er auf Nomaden, die ihm in ihrem Lager Zuflucht bieten und ihm etwas zu essen und zu trinken geben. „Sie waren meine Rettung, ohne sie wäre ich tot gewesen. Überall gab es Hyänen, die riechen es, wenn jemand zu schwach ist. Die Nomaden gaben mir einen 3-Liter Kanister Wasser und erklärten mir den weiteren Weg. Ich orientierte mich an den Bergen, Felsformationen und den Sternen, so wie sie es mir sagten.“ Tagelang läuft der junge Eritreer durch die karge Landschaft, unterwegs begegnet er weiteren Nomaden und Reisenden, die ihm helfen. „Ich hatte furchtbare Angst, aber keine Wahl. Einmal habe ich zwischen Felsen ein menschliches Skelett gefunden. Wäre ich stehen geblieben, hätte ich auch so enden können.“

Nach mehreren Tagen schliesslich erreicht er Ghinda, eine kleine Stadt zwischen der Hauptstadt und seiner Heimatstadt Massaua. Dort erbettelt er sich auf der Straße genug Geld, um den Bus nach Hause zu nehmen. Doch seine Mutter empfängt ihn nicht mit offenen Armen: sie hat Angst, dass ihr wegen seiner Flucht vor dem Militär ihr Land weggenommen wird. Diese Angst ist nicht unbegründet. Oft werden Angehörige von Deserteuren erpresst, manchmal sogar selbst inhaftiert.

Michael flüchtet zur Familie seiner Großmutter, die weniger Bedenken hat. Er arbeitet fortan für die Familie oder in kleinen Gelegenheitsjobs, spielt als Musiker auf Hochzeiten die Krar, ein eritreisches Zupfinstrument. Immer ist er auf der Hut und vermeidet, entdeckt zu werden. „Das Leben war nicht sicher, sehr stressig. Ich wusste, dass es nicht so weiter gehen konnte. Irgendwann hätten sie mich entdeckt.“ Seine Familie vor Ort ist außer Stande, ihm zu helfen. Auch die Schwestern seiner Mutter, die in Nairobi und den USA leben, können ihn nicht unterstützen. Michael ist auf sich allein gestellt.

Ende 2009 beschliesst er zusammen mit einem Freund, Eritrea zu verlassen. Über Grenzschlupflöcher können die beiden nach Äthiopien fliehen. „Die äthiopische Kultur ist gar nicht so anders als unsere, aber es gibt viele Vorbehalte gegenüber Geflüchteten, wie überall sonst auf der Welt auch. In Äthiopien waren wir sehr arm, aber zu mindestens in Sicherheit.“

Entgegen einer verbreiteten Annahme kommt die Mehrheit der afrikanischen Geflüchteten nicht nach Europa, sondern sucht Zuflucht in Nachbarstaaten. Äthiopien, Kenia, Tschad und Uganda nehmen zur Zeit die meisten Menschen auf. Die Zustände in diesen Lagern sind wegen der allgemein schlechten Versorgungslage zumeist katastrophal. Auch Michael verbringt zweieinhalb Jahre in einem solchen Lager. 2012, mit 23 Jahren, beschliesst er, in den Sudan zu fliehen. „Ich hatte leider kein Glück. Sie fassten mich an der Grenze und brachten mich mit etwa 80 anderen zurück nach Eritrea. Ich war wieder ganz am Anfang.“ Michael wird gefoltert: „’Du musst daran denken, was du für dein Land tun kannst, nicht, was dein Land für Dich tun kann!‘, schrien die Soldaten.“ Durch die Folter trägt er viele äußere Wunden davon, die entzünden sich, er wird krank. Als ihn die Soldaten daraufhin entlassen, flüchtet zu einem Onkel. Nach einer Woche wagt er einen erneuten Fluchtversuch nach Äthiopien – und wird nicht entdeckt. Von nun an beginnt eine Monate lange Odyssee.

Michael flieht zunächst in den Sudan, von dort aus nach Libyen, wo er einige Zeit an verschiedenen Orten arbeitet. Doch Libyen ist kurz nach dem Tod des Diktators Gaddafis kein sicheres Land für afrikanische Geflüchtete. Viele werden misshandelt und ausgenutzt, überall herrscht offener Rassismus. Nach fünf Monaten beschließt Michael deshalb, das Land wieder zu verlassen. Fünf Tage lang läuft er durch die Sahara in Richtung Meer, sein Ziel ist Europa. In Benghazi angekommen, kontaktiert er einen Schlepper, der ihn übers Meer auf die italienische Insel Lampedusa bringen soll. Der erste Versuch scheitert, er wird – wie viele andere auch – entdeckt und von der libyschen Geheimpolizei gefangen genommen. „Sie folterten alle Insassen regelmässig. Mich hängten sie kopfüber an der Decke auf, schlugen mich mit ihren Schlüsselbünden, mit Stöcken. Mein Rücken war so geschwollen, dass ich nicht mehr liegen konnte. Stehen konnte ich auch kaum, denn besonders gerne schlugen sie gegen die Fußsohlen.“ Mehrere Monate ist Michael Gefangener der libysche Geheimpolizei, leistet Zwangsarbeit, wird misshandelt. Noch heute sind die Narben sichtbar.

2013 gelingt es ihm nach mehreren Fluchtversuchen, aus dem Gefängnis zu entkommen. Er nimmt nochmals Kontakt zu Schmugglern auf, inzwischen ist der Preis auf 1500 $ gestiegen. Michael hat kein Geld, er ruft einen Onkel an und bitten diesen, ihm Geld zu leihen. „Sie brachten mich dann in einem Haus unter, in dem schon etwa 200 andere Menschen waren. Wir harrten einige Tage aus, ohne zu wissen, wann es losgehen würde. Eines Nachts war es schliesslich soweit.“ Die Schmuggler transportieren alle 200 in einem LKW mit Anhänger. Für die Passagiere ist die Fahrt eine Tortur. Bis in die Hauptstadt Tripolis dauert es fast zwei Tage. Stopps gibt es kaum. „Ich möchte jetzt nicht darüber reden, wie es war, eingequetscht zwischen hunderten von Menschen in diesem LKW zu sein. Versucht einfach, es euch als wirklich schlimm vorzustellen“, sagt Michael resigniert.

Im Oktober 2013 setzt Michael mit 200 anderen Passagieren im Schutz der Nacht auf einem kleinen Fischerboot nach Lampedusa über. Die Überfahrt dauert fast zwei Tage. Die meisten Passagiere auf dem Boot kommen aus Eritrea und Syrien, einige wenige aus Nigeria. „Das Meer war rauh und gefährlich, aber zum Glück ist uns nichts passiert. Eine Stunde nach uns ist ein Boot gekentert. Ein Freund von mir ist mit diesem Boot gefahren – er hat es nicht überlebt.“ Wir fragen Michael, ob er Angst hatte, über das Meer zu fahren: „Angst? Natürlich hatte ich Angst. Aber ich kam ja schon aus der Hölle. Was hätte mir da noch Schlimmeres passieren können?“

Michael findet auf der Insel Lampedusa eine erste Zuflucht in einem Camp für Geflüchtete. Wenige Wochen später wird er zusammen mit anderen in ein größeres Camp nach Palermo geflogen. „Im Camp wollte sie uns dazu zwingen, unsere Fingerabdrücke abzugeben. Jemand hatte uns von der Dublin II-Regelung erzählt, mir war klar, dass ich nicht in Italien bleiben wollte. Hier gibt es für niemanden eine Zukunft, manchmal sogar nicht für die Italiener selber.“ Zusammen mit einem anderen jungen Eritreer, den er im Camp kennen gelernt hat, flieht Michael noch in der ersten Nacht. Die beiden reisen weiter nach Rom, unterwegs passieren viele schlimme Dinge. „Seit viele Menschen fliehen, gibt es auch viel mehr Kriminalität, mehr Korruption. Die Not der neuen Migranten, die nichts wissen, wird oft ausgenutzt.“ In Rom wohnen die beiden in einem ehemaligem Universitätsgebäude, dem Palazzao Salam, dass seit 2006 von Geflüchteten besetzt ist. ‚Palast des Friedens‘ heißt er übersetzt, doch in den Medien ist das Gebäude auch als ‚Palast der Schande‘ bekannt: Um die 1200 Menschen leben hier auf 7 Etagen unter sehr schlechten Bedingungen. Denn auch, wenn man  in Italien Asyl bewilligt bekommt, heißt das noch lange nicht, dass man dort auch Unterstützung erhält. Für die meisten Geflüchteten bedeutet das, dass sie auf der Straße oder in solchen illegal besetzten Gebäuden leben müssen. „Es war furchtbar, ekelhaft. Über 250 Leute mussten sich eine Toilette teilen, die meiste Zeit waren Strom und Wasser angestellt. Wir schliefen auf dreckigen Matratzen.“ Im Palazzao Salam lernt Michael eine junge Frau aus Eritrea kennen, die ein Kind erwartet. Gemeinsam beschliessen die beiden, diesen Ort zu verlassen. Michael ruft seine Tante in Nairobi an, sie schickt ihm Geld, damit die beiden mit dem Zug nach Mailand fahren können, von dort aus weiter Richtung Deutschland. „Sie lebt inzwischen mit ihrem Kind in Norwegen, wo sie Verwandte hat“, erzählt er.

Angekommen in Deutschland stellt Michael in Dortmund einen Antrag auf Asyl, nach nur 6 Monaten wird diesem stattgegeben, denn Menschen aus Eritrea erhalten aufgrund der besonders schwierigen Situation in ihrem Heimatland sehr schnell Asyl in Deutschland. Seit 3 Jahren ist er nun hier, lebt in einer kleinen Wohnung in Dortmund Körne. Er würde gerne mehr Deutsche kennen lernen, alleine schon, um die Sprache einfacher zu lernen.

Neben seinem Sprachkurs hat Michael bereits einige Monate in einer Bio-Gärtnerei als 1-Euro-Kraft ausgeholfen. Jetzt stehen noch rund 300 Stunden Sprachkurs an. Danach möchte er nach einem richtigem Job oder einer Aussbildung Ausschau halten –  am liebsten als Schweißer: „Das kann ich schon ein bißchen, da muss ich nicht bei Null anfangen.“
Seine Zukunft sieht Michael hier in Deutschland, nach Eritrea kann er nicht zurückkehren: „Zum Glück bin ich in Europa – hier gibt es echte Demokratie, man kann arbeiten, etwas aus eigener Kraft schaffen, sich etwas aufbauen. In Eritrea arbeitet man nur für die Diktatur und kann trotzdem kaum überleben. Die Welt muss erfahren, was in meinem Heimatland passiert. Den Menschen dort geschieht viel Unrecht.“

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

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