Interviews

Mohammad, 31

Mohammads Geschichte beginnt wie die vieler anderer Menschen  im kriegszerrütteten Syrien. Geboren und aufgewachsen in Damaskus, leidet er unter dem Krieg und beschließt 2014, alleine die gefährliche Flucht nach Europa zu wagen. Er lässt ein ganzes Leben zurück: seine Eltern und seine Geschwister, seinen Job als Maler und Dekorateur, seine Wohnung, seine Freunde. Die Flucht kostet seine gesamten Ersparnisse, rund 4.000 € verlangen die Schlepper für die gefährliche und lange Reise. Ohne Garantie auf Erfolg. „Selbst wenn man den Schleppern sein ganzes Geld überlässt, heißt das nicht, dass man auch wirklich ankommt. Wenn Du unterwegs nicht mehr kannst, wirst du zurückgelassen. Es gibt nur eine Möglichkeit, um zu überleben: weitergehen.“ sagt er.

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Mohammad reist zunächst nach Istanbul, wo er über einen Bekannten zu den Schleppern Kontakt aufnimmt. Kurz darauf folgt ein zweitägiger Marsch durch die Berge, zusammen mit zahlreichen anderen Flüchtlingen. Als die Gruppe in der Nähe von Izmir das Boot erreicht, das sie nach Italien bringen soll, befallen ihn erste Zweifel. Die Schlepper haben natürlich vorher nur Positives berichtet, über den vermeintlich problemlosen Marsch und die hohen Sicherheitsstandards des Fluchtbootes. Die Realität sieht anders aus: Mit rund 130 weiteren Personen steigt Mohammad auf ein gerade mal zwölf Meter langes Boot und wagt die gefährliche Reise über das offene Meer.

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Nach fünf Tagen erreicht die Gruppe Italien, ohne von den Grenzbehörden entdeckt zu werden. Stundenlang führt der Weg durch Wälder und verlassene Gebiete. In einem Hotel gibt es eine kurze Verschnaufpause, am nächsten Tag geht es per Bus und Bahn über die Schweiz weiter in Richtung Deutschland. Nach mehreren Etappen – darunter auch Dortmund – kommt Mohammad im November 2014 in ein Aufnahmelager in Thüringen. Es gefällt ihm dort eher wenig, weshalb er nach der Genehmigung seines Asylantrages nach Dortmund zieht.

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Mit Unterstützung des Vereins Projekt Ankommen kann Mohammad zunächst in der Wohnung eines engagierten Paares unterkommen und freut sich, das erste Mal seit einer halben Ewigkeit ein eigenes Zimmer zu haben. Einige Monate später bezieht er seine eigene kleine Wohnung, die er mit Sachspenden des Projekts Ankommen liebevoll einrichtet. „Ich fühle mich wohl hier in Deutschland, auch wenn ich meine Familie und Freunde in Damaskus sehr vermisse. Alle Menschen, mit denen ich bisher zu tun hatte, sind sehr freundlich und hilfsbereit. Ich hoffe, ich kann diese Hilfe eines Tages zurückgeben“.
Der junge Syrer ist handwerklich sehr begabt und hilft oft ehrenamtlich bei den Umzügen anderer Flüchtlinge mit. Er besucht einen Integrationskurs und lernt Deutsch. Danach möchte er am liebsten in seinem alten Beruf arbeiten. „Ich würde meine Eltern am liebsten sofort nach Deutschland holen, aber ich weiß auch, dass das im Moment noch unrealistisch ist. Ich muss erstmal hier ankommen und mir etwas aufbauen, Deutsch lernen, eine Arbeit finden. Wir können nur wenig Kontakt halten und ich mache mir sehr viele Sorgen. Es gibt dort nur für wenige Stunden täglich Strom und auch die Beschaffung von Lebensmitteln ist sehr schwierig. Die Situation in Damaskus ist sehr gefährlich“

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Mohammad ist Anfang 30. Seine Träume für die Zukunft unterscheiden sich nicht wesentlich von denen anderer junger Menschen seiner Generation: „Ich möchte noch Englisch lernen und reisen, ganz Europa sehen. Am liebsten zuerst Norwegen.“

Nachtrag April 2016: Inzwischen hat Mohammad seinen Integrationskurs fast abgeschlossen. Er wird bald ein Praktikum in einer Tischlerei beginnen.

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

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