Interviews

Mohammed, 22

Spätsommer 2015: Mehrere tausend Flüchtende unterschiedlicher Herkunft durchqueren Mazedonien zu Fuß – auf der Autobahn. Unter ihnen auch Mohammed, ein junger Mann aus der Stadt Aleppo im Norden Syriens.

IMG_4941In Syrien ist es relativ leicht, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Durch den Bürgerkrieg herrschen im Land verschiedene Gewalten: die Soldaten von Assads Regime, die Rebellen der Opposition und die Terroristen. Mohammed möchte nicht erzählen, mit welcher dieser Parteien er Probleme bekommen hat und auch nicht, warum. Zu groß ist seine Sorge um seine Familie. Familien werden oft als Druckmittel eingesetzt und bedroht, entführt, gefoltert oder sogar ermordet.
Der junge Syrer flieht Hals über Kopf mitten in der Nacht zum Jahreswechsel 2014/15 – bei sich hat er nur einen Rucksack mit dem Notwendigsten.
„Ich bezahlte einem Schlepper viel Geld, damit er mich ungesehen in die Nähe der türkischen Grenze bringt. Zwei Tage musste ich warten, dann überquerte ich nachts die Grenze in einem Waldstück, fernab von den Grenzsoldaten. Ich möchte nicht daran denken, was passiert wäre, wenn sie mich entdeckt hätten.“

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In der Türkei angekommen, besucht Mohammed einen entfernten Verwandten. Bei diesem kann er eine Woche lang bleiben, bis er aus Platzmangel dessen Wohnung wieder verlässt. „Man möchte ja auch niemanden belasten. Die Wohnung war viel zu klein für uns. Ich nahm Kontakt zu einem anderen Verwandten in Istanbul auf und fuhr weiter.“ Mit dem Bus fährt er nach Bayrampaşa, einem Viertel in Istanbul, wo sein Verwandter eine kleine Fabrik besitzt. Dort kann Mohammed einige Zeit in einem leeren Büro übernachten. Da er trotz intensiver Suche keine Arbeit findet, reist er nach einem Monat weiter zu anderen Verwandten nach Antalya. Auch dort bleibt die Jobsuche erfolglos, woraufhin er Freunde kontaktiert, die in Gaziantep, nahe der syrischen Grenze leben. „Sie besorgten mir eine Unterkunft in einem Wohnheim, und ich konnte in Ruhe nach Arbeit suchen. Nach einiger Zeit fand ich einen Job als Anstreicher. Die Bezahlung war ziemlich mies, aber es war erstmal besser als gar nichts.“ Über zwei Monate schuftet er in Vollzeit für einen Lohn von 1300 Türkischen Lira (knapp 400 Euro), danach erhält er ein besser bezahltes Angebot von einer anderen Firma, die aber bereits nach einem Monat keine Aufträge mehr für ihn hat.

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Kurze Pause in der Türkei (Foto: privat)

„Ich war über einen Monat arbeitslos, als ich zum ersten Mal daran dachte, nach Europa zu fliehen. Es war keine leichte Entscheidung. Aber welche andere Möglichkeit blieb mir? In der Türkei gab es nichts für mich, in Syrien wäre ich gefoltert und getötet worden. Ich bat meine Familie um Geld und machte mich auf den Weg.“ Per Bus erreicht Mohammed die türkische Stadt Izmir an der Ägäis-Küste – wie viele andere macht er sich dort auf die Suche nach einem Schlepper, der ihm helfen soll, das Mittelmeer zu überqueren.

„Natürlich war mir klar, dass es gefährlich ist. Aber nicht, wie gefährlich es wirklich werden sollte. Es fing alles relativ gut an: Der Schlepper vertraute mir und anderen an, dass er seine eigene Familie mit unserem Boot übersetzten würde. Für mich war das ein großer Vertrauensbeweis. Ich sagte mir: Wenn er seine eigenen Verwandten mit diesem Boot transportiert, muss es ja einigermaßen sicher ein“. Der Schlepper berechnet pro Person 1200 $ für die Überfahrt und verzögert die Abfahrt um etliche Tage, die Mohammed mit anderen Passagieren in einem Hostel verbringt. Nach zehn Tagen ist es dann endlich soweit.

Als er den vereinbarten Treffpunkt in Izmir erreicht, warten dort 50 (!) Leute. Der Schlepper hatte die Verzögerung offenbar genutzt, um weitere Passagiere anzuwerben. „Sie zwangen uns, in einen Van einzusteigen. 50 Leute in einem Van, stellt euch das vor!“, empört er sich. „Da war nicht mehr die Rede von ‚Meine eigenen Verwandten fahren mit‘ – das waren Kriminelle!“ Zwar fallen in der bedrückenden Enge des Fahrzeugs viele der Reisenden in Ohnmacht, doch gottlob erstickt niemand. Nach einer Stunde ist die Höllenfahrt zu Ende, es folgt noch eine gute halbe Stunde Fußweg in Richtung Strand. Dort wartet die nächste böse Überraschung: Das Boot. „Fast zwei Stunden brauchten wir, um das acht Meter lange Boot aufzupumpen, mit Handpumpen, versteht sich. Die Schlepper standen nur dabei und bewachten die Menschen. Sie waren bewaffnet. Viele wurden nervös, einige gerieten in stille Panik. Es waren ja auch Kinder und alte Leute unter uns. Keiner durfte sich anders entscheiden. Alle mussten auf dieses Boot. Mit einigen anderen brachte ich das vollbeladene Boot in Bewegung. Als uns das Wasser bis zum Hals stand, zogen uns die anderen an Bord.“

Die eigentlich relativ kurze Überfahrt nach Griechenland wird zum Horrortrip. Ungefähr auf der Hälfte der Strecke beginnt das Schlauchboot Luft zu verlieren. Panik macht sich breit. „Frauen und Kinder weinten, alle waren starr vor Schreck. Ich saß auf der Seite des Bootes, die Luft verlor. Wir versuchten, mit bloßen Händen das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Es geriet langsam aus der Balance.“ Auch Mohammed hat große Angst, zu ertrinken, doch er versucht, sie nicht zu zeigen. „Was hätte das schon gebracht? Mehr Panik hätte mehr Bewegung auf dem Boot bedeutet. Und dann wäre es sicher untergegangen.“

Nach vier Stunden erreichen sie unentdeckt die griechische Insel Samos. Es ist spät am Abend und bereits dunkel. In einem Strandcafé, das noch geöffnet ist, erhalten sie Wasser und Lebensmittel – kostenlos. „Wir hatten das Meer überquert, keiner war gestorben und jetzt bekamen wir auch noch Hilfe von völlig Fremden. Ich glaube, jeder kann sich vorstellen, wie glücklich ich in diesem Moment war.“

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Stunden nach der Ankunft auf Samos (Foto: privat)

Niemand aus der Gruppe kennt die Richtung, die zur Inselmitte führt. „Wir irrten etwa 20 km umher, manche sonderten sich von der Gruppe ab, liefen alleine weiter.“ Schließlich wird die Polizei auf sie aufmerksam und fährt einen Teil der Fliehenden in Mannschaftswagen zur Polizeistation. Dort treffen sich alle, die auf dem Boot waren, wieder. „Wir durften uns in einem großen Gebäude neben der Polizeistation ausruhen und auf unsere Passierscheine warten.“ Sieben Stunden später erhalten sie diese und dürfen vorläufig weiterreisen.

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Bei dem „Passierschein“ handelt es sich um ein kurzfristiges Visum für Griechenland. Jeder der es erhält, muss in einem bestimmten, vom Ziel abhängigen Zeitraum das Land verlassen oder um Asyl ersuchen. Die meisten möchten sowieso weiterreisen – nach Deutschland, Schweden, Österreich – dorthin, wo sie Verwandte oder Freunde haben. Insbesondere in Deutschland gibt es eine große syrische Community. „Die Polizei stellte einen Bus zur Verfügung, jeder von uns bezahlte 20 Euro für den Transport zum Hafen. Dort konnten wir ziemlich schnell ein Ticket erwerben. Doch die nächste große Fähre fuhr erst zwei Tage später.“ Da es nicht ausreichend Übernachtungsmöglichkeiten gibt, schlafen die meisten im Freien.
„Als wir Athen erreichten, war ich unglaublich müde. Ich verbrachte mit einigen Landsleuten, die ich während der Flucht kennengelernt hatte, eine Nacht in einem Hotel. Wir schliefen wie die Steine.“

Mohammed und die anderen fahren mit dem Bus über Thessaloniki nach Evzoni, von dort aus wollen sie zu Fuß bis zur mazedonisch-serbischen Grenze laufen. Viele haben denselben Plan. Und die Bilder davon gehen um die Welt: Tausende Flüchtlinge auf den Seitenstreifen der mazedonischen Autobahnen zu Fuß unterwegs. Mohammed hat sich und seine Gruppe gefilmt (VIDEO). Die mazedonische Polizei ist relativ machtlos, sie versucht, die Masse der Menschen in Kleingruppen zu separieren und so für ein einigermaßen sicheres Vorankommen zu sorgen.

 

Mohammed und seine Gruppe erreichen schließlich einen Bahnhof, von dem aus ein Zug nach Serbien fährt. „Die Menschenmassen auf der Autobahn waren schon heftig, aber die Situation am Bahnhof übertraf sie noch um einiges. Auf dem kleinen Bahnhof drängten sich hunderte Menschen, alle versuchten verzweifelt, den völlig überfüllten Zug zu besteigen. Teilweise kletterten die Leute durch die Fenster in die Abteile. Immerhin ließen sie zuerst Frauen und Kinder einsteigen. Die Situation war sehr angespannt.“ Mohammed und seine Freunde schaffen es im letzten Moment in den bereits anfahrenden Zug einzusteigen. „Wir hatten uns sogar noch ein Ticket gekauft, völlig irre. Kontrolliert hat in diesem Zug nämlich keiner mehr.“, erinnert er sich ein wenig schmunzelnd.

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Ungefähr fünf Kilometer vor der serbischen Grenze steigen die meisten Passagiere aus, um zu Fuß weiter zu gehen. Mohammed und seine Gruppe überqueren die Grenze an einer Stelle, die selten kontrolliert wird und laufen rund 50 km bis zur nächsten Polizeistation. Eine Nacht verbringen sie dort in einem halblegalen „Camp“, am nächsten Tag erhalten sie einen weiteren Passierschein und reisen per Zug in die serbische Hauptstadt Belgrad. „Wir waren völlig erledigt. Wir mieteten uns zusammen ein kleines Appartement und fielen ins Bett. Mit unserem Kurzvisum konnten wir drei Tage lang im Land bleiben. Ehrlich, wenn ich länger hätte bleiben können, wäre ich einen Monat im Bett geblieben.“ Die jungen Männer planen ihre Weiterreise: Die meisten wollen nach Deutschland, einige nach Schweden. Sie entscheiden sich, ohne die Hilfe von Schleppern die ungarische Grenze zu überqueren, auch weil die finanziellen Ressourcen fast aufgebraucht sind.
Nach einigen Stunden formiert sich eine Gruppe von etwa 20 Personen, die per Bus in einen Ort nahe der ungarischen Grenze fährt. Von dort aus wissen sie zunächst nicht weiter. „Plötzlich wurden wir von einer serbischen Frau angesprochen, der wohl aufgefallen war, wie orientierungslos wir waren. Sie bot uns an, die Gruppe ein Stück bis zur Grenze zu führen – für 50 Euro pro Person. Wir liefen ungefähr zwei Kilometer, bis wir zu Bahngleisen kamen, im Prinzip immer nur geradeaus. Es war ein schlechter Witz. Zuletzt hatten wir sie zum Glück auf 10 Euro pro Person heruntergehandelt.“

Mittlerweile ist es Nacht; die Gruppe irrt fast vier Stunden orientierungslos im Wald herum. Dann sind sie kurz vor der ungarischen Grenze und müssen nur noch ein Stück Gleisbett überqueren. Doch die Grenze wird zu dieser Zeit bereits sehr scharf überwacht; der Zaun, mit dem sich Ungarn vor Flüchtlingen „schützen“ möchte, befindet sich bereits im Bau. Es wird beschlossen, in kleinen Gruppen über die Grenze zu schleichen, Mohammed und einige andere junge Leute machen den Anfang. „In unserer Gruppe waren auch Familien und alte Leute, wenn wir Jungen es nicht geschafft hätten, wären sie zu einer anderen Stelle weitergegangen und hätten es dort versucht. Alles lief zunächst gut. Eine zweite, kleine Gruppe konnte passieren. Das stimmte die anderen leider sehr positiv, so dass auf einmal alle gleichzeitig das Gleisbett überquerten. Und dann entdeckten sie uns.“ Die Grenzpolizei kesselt die Gruppe ein, einigen wenigen gelingt es, zu fliehen. Zurück bleiben die Familien und die Älteren, die nicht schnell genug wegrennen können.

„Wir rannten, rannten um unser Leben. Wir versteckten uns in einem Maisfeld, es waren nur noch ich und drei andere aus Syrien. Ich werde das niemals vergessen. Die Eiseskälte, das Licht der Taschenlampen, die Rufe der Soldaten. Drei Stunden suchten sie uns. Wir lagen da, auf der kalten Erde, trauten uns kaum, uns zu bewegen.“ Auf allen vieren kriechen die vier jungen Männer schließlich aus dem Maisfeld. Sie befinden sich an einer Landstraße, auf der anderen Seite ist eine Tankstelle erkennbar. Nach zwei Stunden finden sie dort endlich ein Taxi, das bereit ist, sie durch Ungarn bis nach Österreich zu fahren – gegen entsprechende Bezahlung natürlich. Der Taxifahrer spricht kaum Englisch, sie verständigen sich mit Händen und Füßen. „Jeder von uns zahlte dem Taxifahrer 500 Euro. Das war viel Geld, aber welche andere Wahl hatten wir? Wir warteten weitere zwei Stunden und fuhren dann los. Die meiste Zeit verbrachten wir geduckt, damit wir nicht gesehen werden konnten.“ Nach knapp vier Stunden erreichen sie am frühen Morgen Wien.
„Wir ruhten uns in einem Park aus und versuchten, unsere krummen Rücken wieder grade zu bekommen. Da wir uns nicht auskannten, rief ich einen entfernten Verwandten an, der uns half, zum Hauptbahnhof zu gelangen.“, erzählt Mohammed.

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Die vier laufen durch den Bahnhof und suchen jemanden, der ihnen behilflich ist, ein Ticket nach Deutschland zu kaufen. „Unser Ziel war Berlin, aber von Wien aus gab es keine direkte Verbindung an diesem Tag. Irgendwann sprach uns ein Marokkaner an, der uns half, ein Ticket zu kaufen. Dafür zahlten wir ihm 100 Euro ,Trinkgeld‘.“ Auch in Wien wittert man offensichtlich in der Not der Flüchtlinge ein gutes Geschäft.
Der Bahnhof ist zu dieser Zeit überfüllt mit Menschen, die aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern gen Westeuropa fliehen. Mohammed und seine drei Gefährten besteigen einen Zug in Richtung Frankfurt und trennen sich erstmals. „Jeder nahm ein anderes Abteil. Als in der Nähe der Grenze die Polizei den Zug kontrollierte, versteckte ich mich hinter einer Zeitung und tat so, als ob ich über meinen Kopfhörer Musik hörte. Ich versuchte dabei, total normal und desinteressiert auszusehen. Sie kontrollierten mich nicht. Zum Glück.“ Mohammed erreicht Frankfurt am Main zur Mittagszeit; die anderen drei sind im Zug gefasst und vorübergehend in Gewahrsam genommen worden. Auf sich allein gestellt, läuft der junge Syrer zunächst orientierungslos durch die Gegend rund um den Bahnhof. Dort spricht ihn ein Landsmann an, der bereits das Asylverfahren durchlaufen hat. „Er nahm mich mit in seine Wohnung, ich konnte mich ausruhen, essen, schlafen. Ich war so dankbar.“ Mohammed möchte eigentlich zu einem Onkel nach Schwerin reisen, hat aber nicht mehr genug Geld für ein Zugticket. Der freundliche Syrer begleitet ihn deshalb nach zwei Tagen zur nächstgelegenen Unterbringung nach Gießen. Dort lässt sich Mohammed registrieren und beantragt Asyl in Deutschland.

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„In der Unterkunft wurde dann alles etwas seltsam. Sie nahmen mir meinen syrischen Personalausweis ab, ich musste ja sehr überstürzt und ohne Reisepass das Land verlassen. Ich sah ihn nie wieder, angeblich war er verloren gegangen.“ Und nicht nur das: Man glaubt ihm nicht, dass er aus Syrien ist. „Sie hielten mich für einen Albaner. Mit meinem helleren Haar und meinen hellbraunen Augen entspreche ich wahrscheinlich nicht dem Bild, das man hier vom typischen Durchschnittssyrer hat. Die Befragung wurde von einem Sachbearbeiter durchgeführt, der meinte, er habe schon sehr oft in Syrien Urlaub gemacht; der Übersetzer war ein Ägypter. Ich befürchtete das Schlimmste.“ Nach intensiver Befragung ist der Sachbearbeiter wenigstens „zu 50 % überzeugt, dass ich der bin, welcher ich zu sein vorgebe“. Nach zwei Wochen Wartezeit wird er endlich als Asylsuchender registriert. Er wird mehrmals verlegt und kommt letztendlich ins Dortmunder Übergangsheim Adlerstraße 44.

„Ich war wirklich froh, dass ich mal irgendwo bleiben konnte. Aber unter uns gesagt: Die Situation im Heim war fürchterlich. Zehn Leute in einem Zimmer, da kann man sich nicht wirklich zurückziehen. Du bist den anderen Leuten Tag und Nacht ausgeliefert, an Privatsphäre ist nicht zu denken. Ich habe deshalb versucht, eine eigene Wohnung zu finden.“
Drei Monate später ist es so weit. Ein Ehepaar aus der Gartenstadt bietet eine kleine Mansardenwohnung zur Miete an: „Als das mit den Flüchtlingen angefangen hat, war uns ziemlich schnell klar, dass wir helfen möchten. Unsere Mansardenwohnung stand schon seit einiger Zeit leer. Wir haben es zunächst beim nächsten großen Flüchtlingsheim hier in Dortmund versucht. Es passierte aber nichts. Einige Wochen später machte uns eine Bekannte auf das Projekt Ankommen aufmerksam. Drei Tage später stand Mohammed zur Wohnungsbesichtigung in der Tür.“ Schnell einigt man sich darauf, dass der junge Mann der geeignete Mieter ist. Das Sozialamt unterstützt ihn mit Geldern zur Ersteinrichtung der 38 qm großen Wohnung, das Projekt Ankommen hilft beim Transport, die Vermieterin steuert einiges an Zierrat hinzu, „damit es ein bisschen wohnlicher aussieht“. Mohammed und das Vermieter-Ehepaar lernen sich langsam kennen, manchmal essen sie gemeinsam in deren Wohnung im Erdgeschoss des Hauses. „Man muss sich ja erstmal kennenlernen, dann versteht man sich meistens, auch wenn es noch Probleme mit der Sprache gibt“, meint seine Vermieterin.

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Im Januar 2016 wird seinem Antrag auf Asyl stattgegeben. Er besucht inzwischen einen Integrationskurs und wird in etwa einem Jahr mit dem Sprachlevel Deutsch-B1 abschließen. Derzeit ist er auf der Suche nach einer Wohnung in der Stadtmitte, damit der Weg zu seinen neuen syrischen und deutschen Freunden nicht mehr so weit ist. „Die Wohnung ist schön und gemütlich, aber leider auch etwas weit weg von allem“, lacht der 22-Jährige, „alle meine Freunde wohnen in der Stadt, am Wochenende übernachte ich deshalb oft bei ihnen.“ Sie gehen tanzen, feiern bei Freunden und genießen es, weit weg von Krieg und Verfolgung zu sein.
„Es ist so anders hier. Ich glaube, den Deutschen ist gar nicht bewusst, wie offen sie hier leben können. Ich fühle mich frei, ich fühle mich sicher. Und die Deutschen sind so herzlich, so hilfsbereit. In Syrien hätte einem niemand so sehr geholfen.“ Mohammed hat keine konkreten Pläne für seine Zukunft, er möchte erst einmal richtig Deutsch lernen. „Vielleicht finde ich einen Job in meinem alten Beruf als Maler, vielleicht kann ich auch etwas anderes lernen, eine Ausbildung machen. Wer weiß, was die Zukunft bringt.“ Er freut sich, die Strapazen der Flucht aus Syrien lebend überstanden zu haben: „Es gab in dieser Zeit keinen einzigen Moment, in dem ich mich wirklich entspannen konnte. Das geht allen so. Es gibt nur ein Ziel: Weiterkommen, nicht stehenbleiben. Das war sehr hart. Ich fange erst jetzt langsam an, mich richtig zu entspannen.“

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

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