Interviews

Rabeeh, 26 & Ruby, 1

In den Wirren des syrischen Krieges ist es nur eine Frage der Zeit, bis man mit einer der Konfliktparteien Probleme bekommt. Von einem Tag auf den anderen kann sich ein Leben ändern – und zwar nicht im positiven Sinne. So wie bei Rabeeh, einem jungen Mann aus Homs, der in Damaskus Maschinenbau studiert.

Als er im Januar 2014 sein Auto vor der Universität in Damaskus parkt, hält neben ihm ein anderer Wagen, aus dem vier vermummte Männer springen, ihn mit Chloroform betäuben und entführen. „Sie sagten, sie gehören zum IS. Aber ich glaube, sie wollten mir nur noch mehr Angst machen, als ich eh schon hatte. Ich kam wieder zu Bewusstsein, als wir durch ein Viertel fuhren, das von der Schabiha kontrolliert wird. Ich wusste sofort, dass sie nicht zum IS gehörten. Was mir aber in meiner Lage auch nicht wirklich half.“

Bei den Schabiha-Milizen handelt es sich um irreguläre, bewaffnete Gruppen, die von den Cousins des syrischen Diktators Al-Assad geführt werden. Ihr Name leitet sich vom arabischen Wort „schabh“ für Gespenst ab. Sie werden für Misshandlungen, Entführungen und Exekutionen verantwortlich gemacht. Ihre Waffen und Ausrüstung erhalten sie vom Regime.
Rabeeh wird rund 14 Tage gefangen gehalten. „Sie fesselten mich an Händen und Füßen, nahmen mir meine Brille weg, verbanden meine Augen. Ich bekam täglich einen Liter Wasser, aber so gut wie nichts zu essen. Sie schlugen und sie traten mich.“ Bewegungslos muss Rabeeh in einer fast leeren Wohnung ausharren, während die Entführer mit seiner Familie verhandeln. Sie verlangen 20 Millionen syrische Pfund, damals umgerechnet 20.000 Euro. Doch sein Vater weigert sich zu zahlen.

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„Für meine Familie ist das eine Menge Geld, auch wenn wir von unserer Druckerei gut leben konnten. Mein Vater hat einen Freund, der Kontakte zum Untergrund hat und wie Al-Assad zur alawitischen Glaubensgemeinschaft gehört. Über Umwege und Beziehungen konnte dieser Freund meine Freilassung erwirken.“ Daraufhin betäuben die Milizen Rabeeh erneut, fahren mit ihm in eine entlegene Gegend und werfen ihn auf einem verlassenen Bauernhof aus dem Wagen. Hilflos und völlig entkräftet erwacht er irgendwann. „Ich hatte nichts als die Kleider, die ich am Leib trug. Keinen Ausweis, kein Handy, keine Brille. Noch dazu befand ich mich mitten im Schabiha-Gebiet. In meiner Verzweiflung bin ich einfach auf das nächste Licht zugelaufen.“
Nach zwei Stunden erreicht Rabeeh eine Tankstelle. Dort spricht er einen alten Mann an und bittet ihn, sein Telefon benutzen zu dürfen. Nachdem er seinen älteren Bruder angerufen hat, wird er vom Freund des Vaters abgeholt und zu seiner Familie gefahren. „Es war ein schlimmes, furchtbares Erlebnis. Aber es ist vorbei und ich bin in Sicherheit.“

Für seine Eltern ist die Situation dagegen deutlich belastender. Sie machen sich Sorgen, dass er nochmals entführt werden könnte und drängen ihn, Syrien zu verlassen. „Solche Entführungen passieren jeden Tag, überall. Meine Eltern wollten das einfach nicht nochmal durchmachen müssen.“ Rabeeh steckt jedoch mitten in seinem Bachelor-Projekt und möchte trotz aller Gefahren in Damaskus seinen Master machen. Erst als kurz nach seinem Bachelor-Abschluss die Einberufung zum Militär kommt, entschließt sich Rabeeh zur Flucht.
Über den Libanon fliegt er in die Türkei, nach Izmir. Dort macht er zunächst einmal – nichts. „In den ersten Tagen war es fast wie Urlaub. Ich wohnte im Hotel, erkundete die Gegend, lag am Strand, lernte etwas Türkisch. Doch nach einer Zeit wurde ich sehr unruhig. Ich konnte ja nichts machen. Man darf als Syrer in der Türkei weder arbeiten noch sonst irgendwas. Nichtstun entspricht nicht meiner Natur, ich fand das fürchterlich.“ Er kann auch nicht in eines der angrenzenden arabischen Länder, da diese seit Beginn des Krieges keine Arbeitsvisa mehr für Syrer ausstellen. Auch eine Einladung, sein Studium an der Universität Essen weiterzuführen, muss er ablehnen. Die Erteilung eines Visums hätte Monate gedauert, zu lange, um das Masterstudium termingerecht anzutreten.

Gefangen im existentiellen Niemandsland entschließt sich Rabeeh zwei Monaten später, den gefährlichen Weg nach Europa anzutreten. „Ich habe nie vorgehabt, Syrien zu verlassen. Ich wollte in Ruhe mein Studium abschließen, vielleicht später mal ins Ausland gehen. Schließlich hat mich meine Mutter umgestimmt – sie hat mich am Telefon so heruntergeputzt, bis ich ihr versprechen musste, zu gehen. Sie wollte, dass ich Chancen habe, zu überleben.“

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Wie viele andere vor ihm besteigt auch Rabeeh ein wackeliges Schlauchboot, das ihn nach stundenlanger und risikoreicher Fahrt zur griechischen Insel Kyos bringt. Dort wohnt er sechs Tage im Hotel und wartet auf sein Kurz-Visum, das ihm erlaubt, sich rund drei Monate in Griechenland aufzuhalten. Mit einigen anderen Syrern fährt er anschließend nach Athen, wo sie gemeinsam ein kleines Apartment mieten. „Solange ich nicht wusste, wie es weitergeht, versuchte ich mich irgendwie zu beschäftigen. Glücklicherweise konnte ich eine Zeit lang in einem arabischen Café aushelfen. Um mein Englisch zu verbessern, habe ich einen Sprachkurs besucht und den TOEFL-Test gemacht.“

Zu diesem Zeitpunkt nehmen immer mehr Flüchtende den langen und gefährlichen Weg über Land. Da jedoch die ungarische Grenze bereits geschlossen ist, wählt Rabeeh eine andere Variante. Von einer detaillierten Beschreibung möchten wir an dieser Stelle absehen, da eventuelle rechtliche Konsequenzen für Rabeeh nicht auszuschließen sind. Erwähnt sei aber, dass er sehr viel Geld an zwielichtige Gestalten zahlen muss und die griechische Polizei wegschaut. Auch in Griechenland wird also an der prekären Lage der Geflohenen gut verdient. „Ich habe mich schon etwas unwohl dabei gefühlt. Aber alle haben es gemacht. Die Polizei wusste Bescheid. Mal haben sie einen kontrolliert, mal nicht.“

Achtmal wird der 26-Jährige kontrolliert, achtmal trägt er die Kosten dafür. „Die Polizisten waren meistens freundlich. Einmal, als ich kontrolliert wurde, sagte einer von ihnen zu mir: ‚Syrer? Ich hoffe, du schaffst es beim nächsten Mal.’“ Und tatsächlich: Bei der neunten Kontrolle kommt Rabeeh durch die Sicherheitskontrolle. Er kann Griechenland verlassen und landet schließlich in Rom. Dort verbringt er drei Tage in einem Hostel, um die Weiterreise nach Deutschland zu organisieren.

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„Ich wollte nicht nur nach Deutschland, weil dort eine Tante von mir lebt. Wenn man wie ich mit Maschinen arbeitet, weiß man die deutsche Mechanik zu schätzen. Alle Druckmaschinen in der Druckerei meines Vaters stammen aus Deutschland.“ In Rom besteigt Rabeeh den Zug in Richtung Frankreich und kommt nach mehrmaligem Umsteigen in Mannheim an, wo seine Tante seit 20 Jahren mit ihrer Tochter lebt. Diese nehmen ihn einige Tage bei sich auf, bis er einen Termin für seinen formellen Antrag auf Asyl erhält. Daraufhin wird er in einem völlig überfüllten Übergangslager bei Trier untergebracht. „Wir schliefen in einem Raum mit sieben Stockbetten – 20 Leute. Ich habe tagelang kein Auge zugemacht. Nach einer Woche konnte ich zum Glück zurück zu meiner Tante. Ich wollte ihr zuerst nicht zur Last fallen, deswegen bin ich ins Lager gegangen.“ Bereits nach einem Monat erhält Rabeeh seinen positiven Asylbescheid. Er darf nun in Deutschland leben, arbeiten, studieren. Über zwei Monate lang sucht er nach einer Wohnung in der Gegend um Mannheim. „Der Wohnungsmarkt dort ist extrem angespannt, die Wohnungen teuer. Irgendwann habe ich aufgegeben. Ich fand ein Wohnungsangebot in Dortmund und machte mich auf den Weg ins Ruhrgebiet.“

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Im Frühjahr 2015 zieht Rabeeh nach Dortmund-Eving. Die Wohnung wird durch Mittel des Jobcenters finanziert. Bei der Erstbesichtigung der Wohnung kommt es zu einer abstrusen Situation: Die externe, mit der Übersetzung betraute „Wohnungsvermittlerin“ verlangt mehrere hundert Euro für die in der Wohnung vorhandenen Möbel – ein Couchtisch und ein Regal. Rabeeh schöpft Verdacht und wendet sich an den Eigentümer des Wohnhauses – ein Dortmunder Unternehmer, der glücklicherweise auch Englisch spricht Es stellt sich heraus, dass es sich bei der angeblichen „Vermittlerin“ um die Bekannte eines seiner Angestellten handelt, die versucht, illegal Gelder für übriggelassene Möbelstücke von Vormietern zu verlangen. Die Vermittlerin und der Angestellte sind bald aus dem Spiel, der Eigentümer und Rabeeh seitdem Freunde.

Da Rabeeh zu diesem Zeitpunkt bereits seit sieben Monaten auf einen freien Platz in einem Sprachkurs der Volkshochschule Dortmund wartet, versucht er, sich selbst Deutsch beizubringen. Der Hauseigentümer betreibt ebenfalls eine Sprachschule in Dortmund und verschafft ihm sofort einen Platz in einem der Kurse. Durch sein Eigenstudium kann Rabeeh direkt in Modul 3 des Integrationskurses einsteigen.
„Ich kann nicht einfach rumsitzen und nichts tun, dafür bin ich nicht der Typ, das macht mich irgendwann wahnsinnig! Ich habe mir nach dem Integrationskurs deshalb sofort einen Nebenjob gesucht, in dem ich erstmal auch mit wenig Deutschkenntnissen klarkomme.“ Rabeeh arbeitet einige Zeit beim Dortmunder Stadtanzeiger als Aushilfe. „Ich war quasi Mechaniker und Mädchen für alles, habe an allen Ecken und Enden ausgeholfen. Ich glaube, dem Chef hat gefallen, dass ich schon viel Erfahrungen mit dem Druckhandwerk hatte. Ich bin ja quasi in einer Druckerei aufgewachsen.“ Da das Jobcenter Kurse nur bis zu einem gewissen Sprachlevel finanziert, muss der 26-Jährige für alle weiteren Sprachkurse auf die Unterstützung seiner Eltern zurückgreifen. Seinen Nebenjob muss er nach einiger Zeit leider aufgeben, da sich die Arbeits- und Kurszeiten häufig überschneiden. „Es war auf jeden Fall sehr hilfreich, dort zu arbeiten, es ist so leichter, Deutsch zu lernen. Ich kann mir ja leider nicht einen USB-Stick in den Kopf stecken und die Sprachkenntnisse einfach hochladen.“

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Dortmund gefällt dem jungen Studenten sehr, er empfindet die Menschen hier als nett und ehrlich. In Mannheim, berichtet er, sei er manchmal von Menschen angepöbelt worden, weil er noch kein Deutsch sprechen konnte.
Seine 2-Zimmer-Wohnung teilt er sich mit der 1-jährigen Nymphensittich-Dame Ruby. „Ich habe mir als erstes ein Haustier angeschafft, damit ich nicht so alleine bin. Ruby ist jetzt meine kleine Ersatzfamilie. Außerdem wollte ich immer Gitarre spielen lernen, aber mein Vater hat das nie erlaubt. Jetzt geht das natürlich!“, lacht er. Auf einer kleinen Kindergitarre übt Rabeeh nun die ersten Akkorde.

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Seine Familie wiederzusehen, gestaltet sich dagegen sehr schwierig. In der Erstaufnahmestelle in Trier ist sein Pass verlorengegangen. „Ich wollte in die Türkei fliegen, um meine Eltern dort zu treffen. Mein Pass hatte sich leider in Luft aufgelöst, niemand konnte sich erklären, wie das passiert ist. Das hat mich schon ein wenig gewundert, denn in Deutschland läuft ja ansonsten immer alles sehr genau und demokratisch ab. Alle meine Original-Dokumente befinden sich noch in Trier, meine Studienzeugnisse, Geburtsurkunde, einfach alles. Zum Glück habe ich mir vorher noch Kopien gemacht.“ Durch einen Sondererlass der Türkei kann Rabeeh im September 2015 in der türkischen Botschaft einen vorläufigen Pass erhalten – für 450 Euro. Im Oktober desselben Jahres sieht er seine Familie erstmals nach langer Zeit wieder. „Wir haben uns in Istanbul getroffen. Es war sehr gut, sie wieder zu sehen. Sie haben mir sehr gefehlt.“ Rabeehs Familie lebt nach wie vor in Homs, wenn auch unter starken Einschränkungen und mit der steten Gefahr, durch das nächste Bombardement alles zu verlieren.

Auch Rabeehs jüngerer Bruder, der in Damaskus ein Medizinstudium begonnen hatte, konnte von den Eltern überredet werden, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Er befindet sich derzeit in einer Unterkunft in Bad Oeynhausen und wartet seit etwa sieben Monaten auf seinen Asylbescheid. Die Wochenenden verbringt er in Dortmund. Zusammen unternehmen die beiden viel. „Manchmal ist er aber einfach nur deprimiert, hängt rum und spielt Playstation,“ berichtet Rabeeh, „das stresst mich dann etwas. Ich bin total anders, ich muss immer irgendwas tun.“ Der 26-Jährige verbringt seine Tage mit Deutsch lernen, Aufräumen, Sport und Kochen, er betet in der nahegelegenen Moschee, trifft sich mit seinen neuen syrischen und deutschen Freunden, bastelt an seinem eigenen kleinen Roboter. „Der hat einen lichtaktiven Sensor, mit dem er Hindernisse erkennt und zur Seite schiebt – zum Beispiel Müll“, erklärt er. Der junge Student interessiert sich für Allerlei und kann seinen vielen Leidenschaften nun nachgehen. „In Syrien, im ganzen arabischen Raum ist das anders. Dein Lebensweg ist quasi vorgezeichnet, immer geradeaus, immer nützlich für das System sein. Man darf weder scheitern noch in irgendeiner Weise von diesem Weg abweichen. Es gibt viel Zensur, man darf nicht laut sagen, was man wirklich über das Regime denkt. Das schränkt ein, macht dich sehr unfrei.“

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Die Freiheit, sich auch anders zu entscheiden oder Dinge zu erlernen, die nicht viel mit seinem Studium zu tun haben, schätzt Rabeeh an Deutschland sehr. Doch er möchte seine bisherige Lebensplanung nach Möglichkeit weiterverfolgen. Aktuell versucht er, sich seinen syrischen Führerschein anerkennen zu lassen und lernt für die deutsche Führerscheinprüfung. „Ich musste bereits drei Jobangebote ablehnen, weil mein Führerschein hier nicht gültig ist. Ich muss arbeiten, nur so kann ich mein weiteres Studium finanzieren.“ Rabeeh würde gerne seinen Master in Maschinenbau machen, er interessiert sich z. B. sehr für die Erzeugung alternativer Energien. „Energie aus Wind und Sonne, das ist unsere Zukunft. Dort sehe ich das Potential.“ Er kann sich vorstellen, in Dortmund oder auch anderswo zu studieren und danach im Energiesektor zu arbeiten.

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Wir fragen ihn, wodurch sich Deutschland fundamental von Syrien unterscheidet. „Durch eine ganze Menge“, lacht er, „und gleichzeitig ist vieles sehr ähnlich. Der größte Unterscheid ist natürlich die Freiheit, die man hier genießt. Die Rechtssicherheit, die Meinungsfreiheit, es gibt weniger Korruption und so.“ Andere Unterscheide machen ihn sehr nachdenklich. Er erzählt, dass er es als gläubiger Muslim gewohnt ist, von jedem Gehalt einen Teil an wohltätige Organisationen zu spenden . „Die Zakāt ist essentiell, denn es gibt bei uns kein soziales Netz, dass uns auffängt, wenn wir Probleme haben. Wir zahlen z.B. keine Steuern auf unsere Einkünfte. Deshalb finde ich die Abgabe eine gute Lösung. Hier ist es anscheinend anders. Man zahlt keine monatliche Abgabe, sie spenden meistens nur im Ramadan. Ich finde das inkonsequent. Die deutschen Christen zahlen schließlich auch regelmäßig Kirchensteuer.“

Da Rabeeh im Moment nur wenig Geld hat, versucht er, seinen Teil anders beizutragen. Er ist Mitglied beim Verein Projekt Ankommen und hilft in der wöchentlichen Sprechstunde als Übersetzer. „Wie viele andere Menschen habe ich eine Menge schlimme Dinge erlebt, aber ich bleibe trotzdem immer noch Optimist. Die Zukunft sehen wir nicht, wir leben im Hier & Jetzt. Man muss einfach versuchen, weiter zu gehen. Auch wenn es schwer ist.“

Nachtrag März 2017
Rabeeh studiert inzwischen an der Ruhr-Universität Bochum und macht seinen Master in Maschinenbau. Um sich das Studium zu finanzieren, arbeitet er nebenbei als Fahrer für ein Dortmunder Restaurant.

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

 

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