Interviews

Radomir, 67

In seinem früheren Leben war Radomir ein Meisterkoch, in den 80er Jahren zählte er mehrmals zu den Erstplatzierten in nationalen Kochbewerben. Er arbeitete in Hotels und Restaurants auf dem gesamten Balkan, einige Jahre sogar in Bonn, weshalb er heute Anspruch auf eine minimale deutsche Rente hat. Doch als der Krieg Anfang der 90er Jahre über die Balkanstaaten hereinbrach, änderte sich alles.

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„Der Krieg war der Anfang vom Ende. Heute gibt es in Serbien nur Korruption und Kriminalität.“, sagt Radomir. Laut Europäischer Kommission fehlt es in Serbien an wichtigen Elementen der Rechtsstaatlichkeit und einer unabhängigen Justiz. Im Rahmen der EU-Beitrittsverhandlungen mahnte die EU an, dass fundamentale Rechte wie Meinungsfreiheit und der Schutz von Minderheiten nicht genug respektiert werden. Im Mai 2014 wurde Serbien von einer schweren Flut heimgesucht, die die gesamte Wirtschaft zusätzlich schwächte und Hundertausende Menschen obdachlos machte. Auch die Eurokrise belastet den gesamten Balkan schwer. Trotzdem wird Serbien von der Bundesrepublik Deutschland als eines der „sicheren Herkunftsländer“ eingestuft.* Aus diesem Grund werden die meisten Asylanträge von Serben abgelehnt. Radomir und seine Frau sind zwei von ca. 2 % Asylsuchenden aus den Balkanstaaten, die aus humanitären Gründen zumindest eine Zeit lang bleiben dürfen.

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Radomir und seine Frau Bramislava kamen vor zehn Monaten in Deutschland an. Zwar hatte Radomir eine Vollzeitstelle in einem Restaurant, verdiente aber nur 200 Euro monatlich. Das Nettodurchschnittseinkommen in Serbien liegt bei 380 Euro – eine Folge des nunmehr sechsten Jahres der Rezession und der Flutkatastrophe. „200 Euro sind sehr wenig Geld. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Und meine Frau ist sehr krank, sie benötigt dringend Hilfe.“ Radomir konnte sich die üblichen Bestechungsgelder, die die Ärzte in Serbien verlangen, von seinem Gehalt nicht leisten. Dem Ehepaar blieb nur die Möglichkeit, alles zurück zu lassen und nach Deutschland zu fliehen.

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Nach einigen Monaten in der Übergangseinrichtung Adlerstraße 44, wo Radomir hilft, die Küche zu organisieren, Bramislawa sich aber zunehmend unwohl fühlt, finden die beiden mit Hilfe des Projekts Ankommen eine kleine Wohnung. Seither können sie etwas zur Ruhe kommen. Jedenfalls vorübergehend. Bramislawa ist inzwischen stationär in einem Dortmunder Krankenhaus in Behandlung. Radomir arbeitet an vier Tagen in der Woche ehrenamtlich bei der Dortmunder Tafel und besucht seine Frau jeden Tag. „Ich versuche, mich zu beschäftigen, etwas zu tun, damit ich nicht zu viel nachdenke. Wir wissen nicht, was morgen ist.“ Bislang haben sie noch keine Bewilligung ihres Antrages auf Asyl, sie sind zunächst nur geduldet. Sobald sich der Gesundheitszustand von Radomirs Frau verbessert, werden die beiden höchstwahrscheinlich ausgewiesen.

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Die wenigen Deutschkenntnisse, die aus seiner Zeit in Bonn noch übrig waren, konnte Radomir bereits etwas auffrischen; bald wird er einen Integrationskurs besuchen, um sie zu verbessern. Seine Frau hingegen hat im Krankenhaus leider kaum Möglichkeiten, Deutsch zu lernen. „Das wäre eigentlich sehr wichtig, denn die Sprache ist das Wichtigste, wenn man in einem anderen Land lebt“, meint er. Trotz allem ist das Paar sehr glücklich, in Deutschland zu sein, denn hier können Bramislawas Beschwerden richtig behandelt werden.

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Radomir bemüht sich zurzeit um eine Arbeitserlaubnis. Den Einwand, dass es in Deutschland üblich ist, in seinem Alter in Rente zu gehen, lässt der agile 67-Jährige nicht gelten: „Ich liebe meine Arbeit. Ich habe viele Jahre Berufserfahrung und bin noch fit. Warum soll ich nicht arbeiten? Es hält mich jung und beweglich – und es macht mich glücklich, den Menschen gutes Essen zu bereiten.“

*Quelle: www.mediendienst-integration.de

Nachtrag Dezember 2015: Inzwischen hat Radomir eine befristete Arbeitserlaubnis und ist als Koch in einem Waltroper Restaurant beschäftigt. Er hilft weiterhin ehrenamtlich bei der Dortmunder Tafel.

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

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