Interviews

Reem, 30

Um die zusätzliche Gefahr vor Übergriffen zu minimieren, treten alleinstehende syrische Frauen die Flucht aus ihrer Heimat nur gemeinsam mit anderen Frauen an – so wie Reem und ihre Freundinnen.

Reem wächst in Masyaf, West-Syrien, auf und zieht mit Anfang 20 in die Hauptstadt Damaskus. Dort studiert sie ein Jahr lang Bildhauerei, wechselt dann ins Fach Bühnenbild und ist zudem als künstlerische Assistentin in verschiedene Kulturprojekte involviert. Auch nach ihrem Studium ist sie als künstlerische Allrounderin aktiv: Sie entwirft und baut Bühnenbilder, illustriert Kinderbücher, arbeitet als Ausstatterin und Stylistin bei Filmprojekten. Bevor sie Syrien verlässt, führt sie drei Jahre lang im Auftrag des Erziehungsministeriums u. a. Theaterprojekte und Puppenspiel-Workshops für Kinder durch. „Wir haben auch mit den Vereinten Nationen (UN) zusammengearbeitet. Durch die Kreativprojekte konnten wir die Kinder, die den Krieg nur schwer verstehen, etwas aufmuntern und sie ein wenig dabei unterstützen, die Situation zu begreifen.“

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Eben diese verschärft sich zusehends, wenngleich die Gegend um Damaskus zu diesem Zeitpunkt nicht zu den Regionen gehört, die täglich bombardiert werden. Doch auch hier gibt es Kämpfe, Checkpoints, Militär, Entführungen und zerstörte Strukturen.

„Der Krieg ist wirklich schlimm, vor allem, wenn die ersten Bomben fallen. Aber nach einem Jahr oder so hat man sich daran gewöhnt – man stumpft völlig ab. Schlimmer als die Bombardierungen und die Kämpfe finde ich den absoluten Stillstand. Alles kommt zum Erliegen. In Syrien steht eine ganze Generation still und wartet – oder stirbt.“ Ein gewisser Zynismus ist bei der 30-Jährigen nicht zu überhören.
„Ich bin Kunstschaffende, es fällt mir leichter, mich über meine Arbeit auszudrücken. Ich möchte meine Flucht aus Syrien in einem Comic verarbeiten. Comics sind ein Medium unserer Generation. Mein Comic wird die schrecklichen Dinge, aber auch die ganzen Absurditäten der Flucht zeigen. Die Welt soll wissen, wie es sich anfühlt, von einem Tag auf den anderen alles hinter sich zu lassen und das alles durchzumachen. Aber sie soll dabei auch manchmal schmunzeln dürfen.“

Damaskus ist eine der ältesten, kontinuierlich bewohnten Städte der Welt sowie ein kulturelles und religiöses Zentrum des Orients. Die Bombardements zerstören große Teile der Stadt, die teilweise zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Dabei herrscht in nahezu jedem Stadtteil eine andere Miliz. Durch die Kämpfe werden wesentliche Teile der Infrastruktur zerstört. „Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass man für einen Weg, der früher vielleicht 30 Minuten dauerte, nun mindestens drei Stunden benötigt. Der ganze öffentliche Nahverkehr oder einfache Straßen sind ja nicht mehr da. Ich habe in einer Kleinstadt neben Damaskus gewohnt. Irgendwann blieb mir nichts anderes übrig, als in die Innenstadt zu ziehen, der tägliche Weg zur Arbeit war einfach zu unsicher.“ Am schlimmsten ist der Mangel an Nahrungsmitteln und Wasser. „Es war sehr schwierig, Essen oder gar Materialien für kreative Arbeit aufzutreiben. Und der Strom fiel – wie fast überall in Syrien – den größten Teil des Tages aus. Ziemlich schwierig, wenn man hauptsächlich am Rechner arbeitet und keinen Generator zuhause hat.“
Reem erzählt von kalten Wintertagen, an denen sie unter dicken Deckenstapeln in ihrer ungeheizten Wohnung festsaß, von Kindern, die in Krankenhäusern an Unterkühlung starben, von Kämpfen, die Stromanlagen oder andere notwendige strukturelle Anlagen zerstörten, von Tagen, an denen kein Essen aufzutreiben war. „Die Situation wurde immer bedrohlicher, immer festgefahrener. Wir konnten uns weder vor- noch zurückbewegen. Alles wurde unglaublich teuer. Von dem Geld, das ich verdient habe, konnte ich gerade so meine Miete bezahlen. Mehr aber auch nicht. Als eine Freundin plante, das Land zu verlassen, stand mein Entschluss relativ schnell fest. Ich habe diesen Stillstand, diese Hilflosigkeit nicht mehr ausgehalten.“

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Bereits vor dem Krieg hatte Reem geplant, mit Hilfe eines Stipendiums an einem Künstleraustausch im Ausland teilzunehmen. Dieses Vorhaben scheiterte zwar an einem fehlenden Visum, die dafür angesparten Rücklagen besaß sie aber noch. Im Ausland lebende Freunde schießen nun den Rest dazu. Kurz darauf fliegt sie mit ihrer Freundin D. nach Beirut, der Hauptstadt des Libanon, und von dort aus in die Türkei. Zu dieser Zeit ist es für syrische Staatsangehörige noch relativ leicht, ein Visum für die Türkei zu erhalten. Wie viele andere brechen die beiden Frauen nach Izmir auf; von dort aus sind die griechischen Inseln – und damit Europa – am schnellsten zu erreichen.
„Als wir Izmir erreichten, haben wir uns zunächst ein Zimmer in einem Hostel gemietet und die Schlepper kontaktiert. Die Telefonnummer von einem dieser Typen haben wir in Syrien bekommen.“ Während sie auf den „Reisetermin“ warten, schließt sich ihnen eine dritte Freundin aus Syrien an.

Eines Nachts ist es soweit: „Es war menschenunwürdig. Das Schlauchboot war vielleicht vier Meter lang. Sie haben die Leute quasi gestapelt, am Ende waren über 40 auf dem kleinen Boot. Wir waren geschockt, haben aber den Mund gehalten. Sie waren bewaffnet und haben einigen Leuten gedroht, die beim Anblick des Bootes Angst bekommen haben.“ Die Schlepper selbst fahren nicht mit. „Diese Arschlöcher! ‚Fahrt einfach dem Leuchtturm entgegen‘ haben sie uns gesagt. Es hat Stunden gedauert, der Motor ist ständig ausgefallen, der Typ, den sie kurz als Steuermann eingewiesen haben, hatte natürlich keine Ahnung.  Zum Glück hatten wir GPS.“, erzählt Reem wütend. Das GPS zeigt ihnen an, dass der Leuchtturm von Felsen umgeben ist, die das Schlauchboot sehr wahrscheinlich aufschlitzen würden. Sie überreden den Steuermann, an einer anderen Stelle an Land zu gehen. Um vier Uhr morgens erreicht das kleine Boot das Ufer der griechischen Insel Lesbos – alle Passagiere sind unverletzt.

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Die drei Freundinnen trennen sich von der Gruppe und laufen zum nächsten Hotel. Die dortigen Übernachtungskosten liegen aber leider jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten, so dass sie sich ein Taxi zur Inselmitte nehmen und dort in einem Hostel unterkommen. „Ich will nicht angeben, aber ich hatte fast keine Angst auf dem Boot. Nur wenn der Motor ausgefallen ist. Wir waren aber alle total kaputt und haben geschlafen wie Tote. Am nächsten Morgen haben wir uns durchgefragt, sie schickten uns zum sogenannten ‚Syrische-Leute-Camp’“.
Das Camp ist eigentlich eine Registrierungsstelle, dort erhalten die drei ein Kurzvisum, mit dem sie sich für maximal 60 Tage frei in Griechenland bewegen dürfen. Am nächsten Tag fahren sie mit der Fähre nach Athen, von dort aus über die Balkanroute weiter nach Europa. Reem beschreibt ihre Flucht durch Europa in kurzen Sätzen, sie weiß, dass die meisten Fliehenden die gleiche Route genommen haben und möchte die Geschichten nicht im Detail wiederholen. „Es war eigentlich relativ einfach, die Grenzen waren ja noch nicht geschlossen. Klar, wir haben unterwegs viele unerfreuliche Situationen erlebt. Vor allem die ungarische Polizei war sehr brutal und hat viele Menschen misshandelt. Wir haben aber auch viel Hilfe bekommen. Von kirchlichen Organisationen, vom Roten Kreuz, von Privatleuten. Das werde ich nie vergessen.“

Eine der drei Frauen bleibt in Österreich, da sie dort Verwandte hat; die anderen beiden werden von der Grenzpolizei mit Bussen nach Berlin gebracht. Es ist fünf Tage her, dass sie sich in Athen auf den Weg gemacht haben. „Ich fühlte mich dreckig, alle meine Kleider waren zerrissen. Ich sehnte mich nach einer heißen Dusche. Sie fuhren uns zu einer großen Turnhalle mit rund 200 Schlafplätzen, die unsere Erstunterkunft sein sollte. Sie kennzeichneten uns mit Armbändern, jeder bekam eine Nummer. Was gut war: Wir bekamen neue Kleidung und Essen. Was weniger gut war: Es waren fast nur Männer dort.“ Die beiden Frauen fürchten Übergriffe; zudem gibt es nur Gemeinschaftsduschen. Da ihre Ersparnisse für ein günstiges Hostel reichen würden, wenden sie sich mit Hilfe eines vor Ort arbeitenden Übersetzers an den diensthabenden Leiter und bitten darum, die Unterkunft für diese Nacht verlassen zu dürfen. „Er hat uns rausgeschmissen. Viel Deutsch habe ich damals nicht verstanden, aber sein ‚Raus!‘ war deutlich genug.“, erinnert sich Reem. Der Übersetzer hilft ihnen, ein Taxi zu finden, mit dem sie die Unterkunft verlassen. Der Taxifahrer spricht weder Englisch noch ausreichend Deutsch und fährt die beiden Frauen zu verschiedenen 5-Sterne-Unterkünften. Bis sie ihm endlich verständlich machen können, dass sie ein einfaches Hostel suchen, hat das Taxameter eine stattliche Summe erreicht. Da auch das Hostelzimmer mit rund 125 Euro zu Buche schlägt, sind ihre Ersparnisse binnen dieser einen Stunde auf ein Minimum geschmolzen.

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Am nächsten Tag bricht ihre Freundin nach Amsterdam auf – Reem ist nun auf sich alleine gestellt. Sie kehrt zur Unterkunft zurück, erkundigt sich bei Landsleuten nach den nächsten Schritten und erfährt, dass es relativ lange dauert, in Berlin einen Antrag auf Asyl zu stellen. Zu dieser Zeit ist das Berliner LAGESO (Landesamt für Gesundheit und Soziales) die Anlaufstelle für Geflohene, vor deren Tür täglich hunderte Menschen warten. Jemand rät ihr, es in Siegen zu versuchen. Dort angekommen, wird sie für einige Tage einer Unterkunft in Bad Berleburg zugeteilt, danach nach Iserlohn verlegt.

„Iserlohn war gut, ich habe dort Judith kennengelernt. Sie arbeitet als Gleichstellungsbeauftrage in einer Nachbarstadt, wir haben uns gut verstanden. Judith hätte mir auch geholfen, eine Wohnung in Iserlohn zu finden. Aber ich wollte mich in einer Stadt niederlassen, in der es eine Universität gibt, nicht auf dem Land. Da war Bochum meine erste Wahl.“ Nach gut einem Monat muss Reem die Übergangseinrichtung verlassen; sie hat inzwischen einen Freund in Bochum kennengelernt und wohnt manchmal in dessen Wohngemeinschaft. Sie verfügt zwar nun über eine Aufenthaltserlaubnis, hat aber weder Deutschkenntnisse noch Arbeit – und somit auch kein Geld. Auf Anraten der WG-Bewohner sucht sie das örtliche Jobcenter auf, über das sie nichts Gutes zu berichten hat: „Die haben mich hin- und hergeschoben, keiner hat mir irgendetwas richtig erklärt, ich habe fast nichts verstanden. Am Ende haben sie mir die Zahlung verweigert, weil ich keine eigene Wohnung hatte. Ich habe zu der Zeit bei Freunden und Bekannten übernachtet, ein paar Tage hier und dort. Ich habe das Jobcenter ja um Unterstützung gebeten, weil ich keine eigene Wohnung hatte. Ist das deutsche Bürokratie oder einfach Wahnsinn? Ich versteh’s bis heute nicht!“

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Durch Bekannte in Dortmund lernt Reem einige Ehrenamtliche kennen, die sie dabei unterstützen, eine Wohnung zu finden, sich bei der Ausländerbehörde zu melden und einen Antrag auf Arbeitslosengeld beim Jobcenter Dortmund zu stellen. „Ich hatte echt Hilfe hier, zum Beispiel vom Verein Projekt Ankommen. Es ist aber immer noch schwer; die ganzen bürokratischen Abläufe sind mir fremd.“ Unterstützung bekommt sie auch von Mohammed, ihrem Freund. Die beiden lernten sich über Freunde kennen, seit gut drei Monaten sind sie ein Paar. „Er hilft mir viel, er ist aus Palästina und studiert schon seit ein paar Jahren hier. Mit ihm zusammen fällt es mir leichter, meine Situation auszuhalten.“ Denn obwohl Reem nun in Sicherheit ist, fällt es ihr oft schwer, sich mit ihrem neuen Leben zu arrangieren. „Versteht mich nicht falsch, ich möchte nicht undankbar erscheinen. Aber an manchen Tagen bin ich einfach nur frustriert. Vom kalten Wetter, von unfreundlichen Deutschen, dem ganzen Papierkram. Mir fehlen meine Freunde, meine Familie, meine kreative Arbeit. Ja, ich sollte froh sein, dass ich Syrien verlassen konnte, dem Krieg entkommen bin, ich weiß. Aber Deutschland ist so anders. Trotz des Krieges gab es in Syrien diesen Zusammenhalt, die Menschen haben einander vertraut, Fremde wurden herzlich begrüßt. Das habe ich bis jetzt hier noch nicht erlebt. In Deutschland hat jeder Angst vor dem, was er nicht kennt. Ihr lebt hier in einer Angst-Gesellschaft. Das ist manchmal sehr bedrückend.“

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Nichtsdestotrotz ist Reem ein fröhlicher und lebendiger Mensch. Vor kurzem startete endlich auch ihr Integrationskurs. Sie möchte sich weiter entwickeln, richtig Deutsch lernen, ihr Masterstudium beginnen, Kunst schaffen. Wenn sie einen Tag hat, der sie sehr deprimiert, dann hört sie Musik und tanzt – gegen die deutsche Kälte.

Nachtrag April 2017
Reem hat inzwischen den Integrationskurs abgeschlossen und konnte am Theater Oberhausen bei einer Inszenierung als Bühnenbild- und Kostümdesignerin mitwirken. Im Moment arbeitet sie an der Graphic Novel über ihre Flucht. Gefördert wird sie durch verschiedene arabische und deutsche Stiftungen und Förderprogramme. Reem möchte sich in Deutschland nach und nach als Kreative etablieren.

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

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