Interviews

Sayed, 34

Der Buddhismus genießt gemeinhin den Ruf eine Religion der Toleranz und Gewaltlosigkeit zu sein. Dennoch werden in einigen Ländern andersgläubige Minderheiten im Namen Buddhas unterdrückt, vertrieben und attackiert – wie die muslimische Volksgruppe der Rohingya in Myanmar (Burma).

„Als ich in Deutschland zum ersten Mal mit jemanden über meine Situation sprach, kannte derjenige mein Volk gar nicht: ‚Sie sind was? Rohingya?!?‘ Die Gewalt, die Unterdrückung, die Vertreibung, all die schrecklichen Dinge, denen wir ausgesetzt sind, sind in Europa kaum bekannt. Das war schon etwas bedrückend“, erinnert sich Sayed. Seit 1982, dem Geburtsjahr des 34-Jährigen, werden die Rohingya in Myanmar offiziell nicht mehr als eigenständige Bevölkerungsgruppe anerkannt. Die Staatsbürgerschaft und entsprechende Dokumente werden ihnen ebenfalls verweigert. Sie verfügen über keinerlei Rechte und werden von den Vereinten Nationen als die „am stärksten verfolgte Minderheit der Welt“ eingestuft. „Wir sind Menschen zweiter Klasse und werden wie Dreck behandelt. Wir dürfen nicht heiraten, nicht studieren, nicht den Arzt besuchen. Ich habe nie eine Schule besucht, aber unser Vater hat uns unterrichtet, damit wir keine Analphabeten bleiben, er war Lehrer. Aber das Schlimmste war: Wir durften Arakan (offiziell: Rakhaing), den Staat, in dem wir lebten, nicht verlassen – es ist wie ein Gefängnis.“ erklärt Sayed. Regelmäßig kommt es in Myanmar zu Angriffen der Nasaka, einer Art militärischer Geheimpolizei Nasaka, Gewaltsame Überfälle, illegale Inhaftierungen, Folter, Vergewaltigungen und Morde sind an der Tagesordnung. Menschenrechtsaktivisten sprechen daher von einem ’schleichenden Völkermord‘ an der muslimischen Minderheit in Myanmar.

Auch Sayeds Vater und Großvater verlieren 1992 bei einem gewaltsamen Überfall ihr Leben.
Die Familie flieht wie hunderttausend andere ins nahe Bangladesch. Sayed erinnert sich nur bruchstückhaft an die Flucht. „Ich war sehr klein und fragte meine Mutter ständig, wo denn mein Vater sei. Erst als wir in Bangladesch waren, hat sie mir erzählt, dass er nicht mehr lebt.“ Dort leben sie unter katastrophalen Bedingungen in einem der Flüchtlingscamps im Distrikt Cox‘s Bazar. „Wir durften das Camp nicht verlassen, es wurde den ganze Tag von Sicherheitsleuten der Regierung bewacht. Meinem großen Bruder gelang es manchmal, sich raus zu schleichen; er besorgte sich Arbeit und brachte uns abends etwas Gemüse mit. Im Camp bekamen wir nämlich nur Reis und Öl.“ Auch die hygienischen Zustände im Camp sind menschenunwürdig: Über 200 Personen teilen sich eine Toilette, so dass es zu Todesfällen durch Infektionen kommt. Sayed erinnert sich, dass 1992 das UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen) vor Ort war, um sich nach den Lebensbedingungen im Camp zu erkundigen. „Denjenigen, die sich bei den Aktivisten über die schlechten Bedingungen beschwert hatten, wurde gedroht, sie auszuweisen, viele wurden geschlagen.“ Zwei Jahre später ordnet die Regierung die Räumung des Camps und die militärische Rückführung der Bewohner nach Myanmar an.

Zurück in der „Heimat“ versuchen die beiden ältesten Brüder, das schwer beschädigte Haus der Familie zu reparieren, während die Mutter und die kleinen Geschwister im Dschungel ausharren. Kurz darauf wird Sayeds ältester Bruder bei einem der Übergriffe der Geheimpolizei Nasaka erstochen. Dem jüngeren Bruder gelingt es, sich in den Dschungel zu Mutter und Geschwistern zu retten. Zu viert fliehen sie erneut nach Bangladesch. „Wir konnten nicht in Myanmar bleiben – sie hätten auch uns umgebracht.“

In Bangladesch lernen sie einen Mann kennen, der für die Regierung arbeitet. Offiziell darf er ihnen nicht helfen, dennoch unterstützt er sie nach Kräften: Er bringt sie in einer kleinen Hütte auf seinem Grundstück unter und besorgt ihnen Arbeit – alles illegal und unter dem Mantel der Verschwiegenheit. „Wir sind diesem Mann, dessen Namen ich aus verständlichen Gründen nicht nennen möchte, sehr, sehr dankbar.“, erzählt Sayed. Zwar gibt es einige Hilfsorganisationen vor Ort, doch die Mittel sind begrenzt, und teilweise werden sogar sie von radikalen Gruppen überfallen. „Wir hatten nicht viel und durften nicht entdeckt werden. Aber wir waren am Leben.“ Als ihr Wohltäter anno 2000 in die Hauptstadt Dhaka versetzt wird, nimmt er die Familie mit.

Sayeds Schwester, zu diesem Zeitpunkt ungefähr 12 Jahre alt, nimmt in Dhaka einen Job als Haushaltshilfe bei einem einflussreichen, lokalen Politiker an. Als dieser nach kurzer Zeit damit anfängt, sie sexuell zu bedrängen, weigert sie sich, dort weiter zu arbeiten. „Seine Frau hatte meine Schwester sehr lieb gewonnen und wunderte sich, dass sie plötzlich nicht mehr für sie arbeiten wollte. Sie kam in unser Hütte, und nach langem Drängen erzählte meine Schwester ihr alles. Sie glaubte ihr und trennte sich von ihrem Mann.“ Vor allem Frauen, die illegal in Bangladesch leben, haben oft mit ähnlichen Problemen zu kämpfen – durch ihren rechtlosen Status sind sie schutzlos und können sich nicht an die Behörden wenden. Zwischen 2000 und 2009 gelingt es der Familie, unentdeckt als Illegale in Dhaka zu leben, unter prekären Bedingungen zwar, aber einigermaßen sicher, solange sie im Schatten bleiben und nicht auffallen.

Im Frühjahr 2009 wird Sayeds Schwester von Bodyguards des Politikers entführt, zwei Tage lang ist sie verschwunden. „Wir hatten große Angst, wussten nicht, wo wir sie suchen sollten. Als sie wieder auftauchte, war sie in einem fürchterlichen Zustand – er hatte sie stundenlang vergewaltigt, sie blutete, schrie, weinte.“ Auch heute noch treibt es Sayed Tränen in die Augen, wenn er sich an diesen Tag erinnert. Die Familie weiß nicht weiter, die Schwester ist schwer verletzt und benötigt dringend medizinische Hilfe. Obwohl das Risiko sehr groß ist, gehen Sayed und sein Bruder zur nächsten Polizeistation. „Man kann ja immer Glück haben und auf einen Menschen treffen, der einen versteht und hilft. Und es war eine absolute Notsituation. Leider hatten wir kein Glück.“ Sayed und sein Bruder werden verhaftet, als sie die Vergewaltigung bei der Polizei melden. Diese informiert auch den Politiker über die Anschuldigungen. Noch im Gefängnis werden sie von seinen Bodyguards schwer misshandelt. Sie müssen ein Geständnis unterschreiben, in dem sie die Vorwürfe leugnen. Ihre Unterkunft wird polizeilich versiegelt, ihren Nachbarn erzählt, dass sie Schmuggler seien. „Wir konnten uns nicht wehren, wussten nicht, was wir tun sollten. Wir wandten uns an unseren Wohltäter und kamen einige Tage bei seinem Hausarzt unter, der auch meine Schwester medizinisch versorgte.“

Ihnen ist klar, dass sie nicht länger in Bangladesch bleiben können und überlegen, nach Thailand zu fliehen – wie viele andere Rohingya auch. Doch die Flucht dorthin gelingt nur mit Hilfe von Menschenschmugglern, und eine Garantie auf das Erreichen des Ziels gibt es nicht. Zudem müsste die Familie Myanmar passieren. Die Gefahren sind nicht kalkulierbar, die Grenzkontrollen alles andere als überschaubar. Also beschließen sie, nach Kalkutta in Indien zu flüchten. „Wir hatten über Jahre, wann immer es ging, etwas Geld zur Seite gelegt. Davon konnten wir die Schlepper bezahlen. Sie versteckten uns in zwei Lastwagen: Meine Mutter zusammen mit meiner Schwester, mein Bruder mit mir.“ Im Gegensazu zu den Brüdern kommen die beiden Frauen jedoch nicht in Kalkutta an. „Ich mache mir große Sorgen, jeder weiß, was in Indien mit Frauen passieren kann, die alleine und ohne Schutz sind.“ Sayed befürchtet, dass sie als Zwangsprostituierte an ein Bordell verkauft wurden. Den beiden Brüdern wird geraten, weiter zu reisen, da sie in Indien nicht sicher seien. „Wie hätten wir sie denn irgendwann wiederfinden sollen, wenn wir selber nicht mehr leben?“

Sie flüchten über die Berge nach Pakistan, von dort weiter in den Iran – nirgendwo sind sie wirklich willkommen. Als sein Bruder irgendwann zurück nach Indien will, um Mutter und Schwester zu suchen, flieht Sayed in die Türkei und von dort aus auf dem ‚üblichen Weg‘ übers Meer nach Europa. Fast zwei Jahre lang verbringt er völlig mittellos in Paris, da ihn die Flucht seine gesamten, bescheidenen Ersparnisse kostete. Er streift durch die Straßen der Metropole, schläft manchmal in der U-Bahn und lebt von dem Wenigen, was Hilfsorganisationen und Ehrenamtliche an Obdachlose und Geflohene spenden. Da sein  Asylantrag abgelehnt wird, schenken ihm Freunde Geld für ein Zugticket nach Deutschland, wo Flüchtlinge weitaus mehr Hilfe erhalten als in Frankreich.

2014 stellt er in Dortmund einen Asylantrag, und lebt vier Monate in der dortigen Erstunterkunft Brügmannhalle. Dann erhält er aufgrund des Dubliner Übereinkommens einen Abschiebebescheid. Mit Hilfe des Projekts Ankommen, das zu diesem Zeitpunkt kurz vor seiner Gründung steht, gelingt es ihm, in einer Dortmunder Kirche Unterschlupf zu finden. „Mit den Menschen vom Projekt Ankommen bin ich inzwischen gut befreundet. Ich weiß nicht, wo ich jetzt wäre, wenn sie mir nicht Kirchenasyl und einen Anwalt organisiert hätten.“, erzählt Sayed. Durch die Intervention des Anwalts wird sein Asylantrag neu bewertet: Er erhält einen vorläufigen Aufenthaltstitel und findet eine eigene kleine Wohnung.

Heute, ein Jahr später, hat er alle Deutschkurse abgeschlossen und versucht, hierzulande Fuß zu fassen. Dabei helfen ihm seine deutschen Freunde und andere Rohingya, die er inzwischen kennengelernt hat und mit denen er im Sommer Cricket, den Nationalsport Myanmars, spielt. Am liebsten möchte Sayed eine Ausbildung im Hotel- und Gastgewerbe machen, doch aufgrund seines Alters ist das eher schwierig. Mit etwas Glück kann er aber im kommenden Jahr ein Praktikum in diesem Berufszweig absolvieren. Er ist dankbar, für alles, was ihm gegeben wurde: „Deutschland ist das erste Land, das mir Zuflucht gewährt. Ich habe fast 12 Länder durchquert, nirgendwo war ich willkommen. Hier werde ich endlich wie ein Mensch behandelt.“

Er hofft nun darauf, dass er einen vorläufigen Pass bekommt und Arbeit, um irgendwann nach seiner Familie zu suchen. Alles, was ihm von seinem alten Leben geblieben ist, ist ein Foto von seiner Schwester.

Nachtrag Mai 2017
Sayed hat inzwischen eine Anstellung in einem großen Dortmunder Hotel gefunden. Dort kümmert er sich in Teilzeit um die Hauswirtschaft. Er ist sehr glücklich, endlich wieder arbeiten zu dürfen.

Text und Fotos: © Alexandra Breitenstein

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